Zwei Dumplings im Vodka

marco · April 17, 2015 · Allgemein, Travel · 1 comments

Aus mir wird noch ein echter Künstler. Ich fange an so richtig unzuverlässig Blogs zu schreiben. Und, Achtung Gefahr, ich verfasse sie jetzt auch noch unchronologisch. Denn eigentlich bin ich ja noch ein Eintrag zu meiner Zeit als Schreiberling bei Gaumont schuldig, ziehe jetzt jedoch einen Urlaubs-Beitrag vor. Denn der kommt frisch und heiss aus dem Ofen, obwohl er vom hohen Norden kommt. Nämlich Russland.
Andere Kultur, neues Abenteuer. Gesagt, getan; für Ostern fanden wir uns in St. Petersburg und Moskau wieder.
Klischees über dieses Land gibt es ja unzählige. Bestätigt wurden ein paar, aber wiederum ein paar andere widerlegt. Tischen wir sie hier auf, so wie wir sie erlebt haben.

Vodka
Bei uns schon beim ersten Abendessen auf dem Tisch. Serviert wird das Gläschen mit Gurken und Preiselbeersaft. Die Gurken um den Geschmack zu hemmen, und der Preiselbeersaft einfach weil Preiselbeersaft auch was sehr russisches ist. Ich will das Gläschen mit dem klaren und alkoholreichen Elixier gleich exen, werde aber freundlich darauf hingewiesen, dass man dies hierzulande schlückchenweise geniesst. Wo uns nach einem Gläschen schon die Birne dreht, bestellen die Russen das im Literkrug. Vielleicht mit Preiselbeersaft, aber sicherlich ohne Gurken.

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Das Getränkt bleibt uns ein stetiger Begleiter über die gesamte Urlaubswoche. Am Schluss lernen wir es gar zu schätzen und bestellen bereits ein- zwei Gläschen mehr. Zu jedem Gang halt.

U-Bahn
Die U-Bahn ist tatsächlich ein Prachtstück. Wie in St. Petersburg, so auch in Moskau. Stets ultra tief geht es in diese Untergrundtunnel runter. Im Gegensatz zu allen anderen Tuben, ist diese aber hoch, geräumig und kaum klaustrophobisch. Bem Perron findet man oft von Kronleuchtern geschmückte Hallen, geziert mit heldenhaften Statuen. Pompös.
Wenn aber die U-Bahn selbst einrollt, rattert es mächtig in der Höhle. Die Züge wurden wohl überhaupt noch nie ausgewechselt, aussehen tun sie auf jeden Fall wie aus Sovietzeiten. Dunkelgrüner Stahl, grob und klobig. Hinter dem Chauffeur ein ganzer Sicherungskasten von Schaltern, fern von morderner Technik. Fahren tun sie aber zuverlässig, fleissig und schnell, auch wenn man nach der Fahrt mindestens nochmal so lange wie die Fahrt selbst, Rolltreppe rauf ans Tageslicht fahren muss.

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Strassen und Autos

Von der von Rost zerfressenen Lada, bis zum laut röhrenden Lamborghini, da herrscht ein buntes Gemisch auf russischen Strassen.
Etwas vom ersten was in Russland auffällt ist, dass die Autos alle irgendwie kaputt klingen. Die scheppern vor sich hin, als würden sie gleich auseinander fallen. Bei einer alten Lada mag das nicht weiter erstaunen, aber bei einem Rolls Royce Bonzenschlitten dann schon eher. Bei genauer Betrachtung kommen wir der Sache dann auf die Schliche: die meisten Autos hier haben Spikes. Gut gerüstet für den Schnee also.
Kein Wunder sind die Strassen in relativ schlechtem Zustand. Zudem ist die Strassenangelegenheit sehr staubig und die Autos demnach von Dreck bedeckt. Da erkennt man kaum mehr ein Nümmerli auf dem Nummernschild. Dagegen sind die Autos in Peking aber blitzeblank geputzt. Auf Grund dessen trifft man mindestens einmal am Tag eine Putzarmada auf den Strassen an, die den Staub mit hochdrückigem Wasser vom Asphalt fegen. Wenn man da gerade nichts ahnend auf dem Trottoir am Föteli machen ist, kommt die kalte Dusche relativ überraschend.

Zug
Einige Züge in diversen Ländern durften wir schon betreten. Beijing – Shanghai, Tokyo – Kyoto, Paris – Genf, Kiesen – Lützelflüh. Wer hätte aber erwartet, dass ausgerechnet der Russische Zug von St. Petersburg nach Moskau zum komfortabelsten gekrönt würde? Wir haben klar was anderes erwartet und uns auch demnach auf eine anstrengende Reise eingestellt. Ja, als Proviant hatten wir sogar eine ganze Pizza dabei, nur für alle Fälle (und es war das Einzige was in St. Petersburg am Bahnhof serviert wurde… und die gute Dame hinter dem Tresen hat das erste Stück auch noch fallen lassen). Schon beim betreten des Zuges kommen wir uns mit dieser Pizzaschachtel im Arm aber total fehl am Platz vor. Da gibt es doch tatsächlich eine Garderobe und eine Schuhputz Maschine im Abteil. Die Züge sind so breit, dass man Purzelbäume im Gang schlagen könnte. Die Passagiere sind gut erzogen und wissen, wie sich zu benehmen. Es ist mucksmäuschenstill. Und das ist nicht etwa oberste, sondern unterste Sitzklasse.
Schämend verdrücken wir die Pizza im Gang. Zurück am Platz wird uns dann aber auch noch wie im Flugzeug ein Lunch serviert, gloubsch?

Wo das Erlebnis dann nicht so sehr mithalten kann, ist bei der Aussicht. Die vorbeiziehende Landschaft ist eher kahl und gefroren. Und an den Bahnhöfen fühlt man sich in der Zeit etwas zurück versetzt.
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Monumente
Sie mögen es gerne prächtig, pompös und farbig in Russland. Die St. Basil Kathedrale auf dem roten Platz, sowie ihr kleiner Bruder, der Auferstehnungs-Kathedrale aus St. Petersburg, steht nichts nach. Da sieht man, wo sich das Disneyland seine Inspiration geholt hat.

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Ganz schön goldig glänzt auch der Ferienort von der Prinzessin Catherine etwas ausserhalb von St. Petersburg. So viel gold auf einem Haufen erstaunen nicht nur die Chinesischen Reisegruppen. Das blendet richtig, wenn man durch diese Räumlichkeiten schlendert. Eine Tapette ist gar nicht erst vorhanden, hier gibt es entweder Gold, oder es reiht sich ein Gemälde ans andere an der Wand.

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Und natürlich der Kremlin. Das ist kein Gebäude, dass ist eine Burg. Eine Burg mit zwei Helikopterlandeplätze und 4 Kirchen drin. Kein Wunder benimmt sich der Putin wie ein Zar mit so einem Spielplatz im Hintergarten.

Monströse Plätze gibt es da auch ein paar. Der rote Platz in Moskau ist imposant, wenn auch irgendwie kleiner als erwartet. Und das weihnachtlich beleuchtete Shoppingcenter GYM (Gum ausgesprochen) lässt das Fass an Kitsch schon fast überschwappen. Der Platz bei der Ermitage in St. Petersburg hingegen ist beachtlich gross. Da kann man sich die Millimeter genauen Paraden gut vorstellen.

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Wunderschön von aussen, und glänzt mit seinen inneren Werten mit Werken von Monet und company genau so prächtig.

Wetter
Also speziell kalt kam uns das grösste Land auf Erden nicht vor. Nicht mehr oder weniger als Paris mit eisig, kalter Bise. Aber wahrscheinlich waren diese 5 bis 10 Grad die wir hatten für die Russen auch schon Frühling. Im kurzem Rock und ohne Strumpfhosen, sowie in T-Shirts gekleidet, scheinen es die Leute auf jeden Fall so hinzunehmen.

Hotels
Ok, wir haben es uns gut gehen lassen. Das aber auch nur weil wir A: nicht in der Saison gegangen sind und B: momentan sowieso niemand nach Russland will und man somit zu spottgünstigen Tarifen ganz glamourös logieren kann.
In Moskau hatten wir dann auch grosse Aussichten. Auf den Kremlin, und die Brücke, wo im Februar der Politiker Boris Nemtsov kaltblütig ermordet wurde. In der russischen Religion wird am 40. Todestag nochmals an das Opfer gedenkt. Als wir an diesem Todestag über die Brücke spazieren, ist sie übersäht mit Blumen und Bildern. Die Polizei schaute dabei mit einem Grossaufgebot und kritischem Auge zu.
Am nächsten Tag ist dann alles, bis auf ein paar wenige Blumen, wieder weggeräumt. Vor allem sämtliche Fotos vom Opfer sind plötzlich verschwunden.

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St. Petersburg vs. Moskau

Erster markanter Unterschied: in St. Petersburg sind die U-Bahnstopps noch in Englisch angeschrieben, wobei man in Moskau da total hilflos vor dem Panneau steht. Zum Glück habe ich mir etwas kyrillisch angeeignet vor der Reise, sonst würden wir wohl noch jetzt unter irgendeinem Kronleuchter in einer Moskauer U-Bahn Station nach dem Flughafen suchen.

St. Petersburg ist ein bisschen wie Bern. Kulturell, entspannt und alternativ. Moskau dagegen ist der grosse laute Bruder. Da gibt es sowas wie ein moderner Stadtteil und dicke, fette 12 spurige Strassen mitten durch die Stadt.

Beides sind grosse Städte, wo man die Distanzen unterschätzt und die Kilometer am Abend in den Knochen spürt. Das geht in Moskau soweit, dass wir zum ersten Mal in einen Touribus steigen. Genau, jene mit dem Hop on, Hop off Ticket. Immer darüber gelacht, aber zugegeben, hier hat sich diese Kutsche gelohnt. Wir kriegen einen guten Eindruck über das Ausmass der Stadt, und die Trivia die der Typ im Kopfhörer erzählt, ist ganz amüsant. Wie hätte wir sonst wohl erfahren, dass Karl Marx’s Statue aus Beton mal hätte weggenommen werden sollen, sie aber dann auf Grund von all dem Beton dann doch zu schwer war, und somit entschieden wurde, sie einfach dort auf dem Platz stehen zu lassen?
Moskau ist aber auch ein gutes Stück teurer als St. Peterburg. Eine Metropole halt, mit Shoppingmalls und Starbucks um jede Ecke. Obwohl es das in St. Petersburg zweifelsohne alles auch gibt, wirkt St. Petersburg als Stadt doch noch irgendwie authentischer.

Essen
Am meisten überrascht hat uns das Essen. Wir haben eine Woche lang stets gut gegessen. Von Stroganov bis Chicken Kiev werden wir verzaubert. Die Borsch Suppe entpuppt sich zur lokalen Spezialität, die Pelmeni Teigtaschen erinnern uns an die Dumplings aus China, und die Dessertkreationen sind schlicht überwältigen.

Dessert

Das hier übrigens alles aus Schoko, mit einer pfeffrigen Glacé innen drin.

Die Restaurants überzeugen mit viel lokalem Scharm und Stil. Da liegt vom schlichten Keller-Restaurant „CoCoCo“ mit nur lokalen Gerüchten in St. Petersburg, bis zum pompösen „White Rabbit“ mit einer 360 Grad Sicht über die Stadt Moskau alles drin.
Und manchmal mögen sie es einfach auch gerne opulent, die Russen. So ist zum Beispiel im Restaurant „Zar“ in St. Petersburg die Toilette ein edler Thronsessel.
Die spinnen die Russen.

Russen
Entgegen allen annahmen, haben wir ganz nette Russen getroffen. Der Service im Restaurant ist zuvorkommend, von Jugendlichen wird man in den Strassen nett angequatscht (und darauf hingewiesen in der U-Bahn keine Fotos zu nehmen) und würden wir sie verstehen, wären sicherlich auch die Taxifahrer easy. Natürlich gibt es wie überall Ausnahmen, so wie der Assi bei der U-Bahn, der doch tatsächlich darauf besteht, dass ich für meinen Koffer noch ein extra Ticket lösen muss. Oder diese neureiche Bande im Moskauer Restaurant, die sich benehmen, als würde ihnen die Welt gehören. Aber im Grossen und Ganzen machen sie den Parisern in Sachen Anstand grosse Konkurrenz.

Bei einem Mittagstisch finden wir uns gar einem Russenpäärchen gegenüber, die wie wir als Touristen unterwegs sind. Gekommen sind sie aus… ich weiss den Namen nicht mehr, aber wo ich mich erkundige, wo der Ort denn genau liegt, sagt der liebe Herr, es sei 9 Stunden von St. Petersburg entfernt. Wie, mit dem Auto? Neinnein, mit dem Flugzeug. Ganz im Osten halt. Lediglich 1 Stunde von Peking entfernt.
BÄM! Das ist noch ein grosses Land, wo du 9 Stunden fliegen kannst, ohne die Grenze zu überschreiten.

Fazit, Russland ist sicherlich ein unvergessliches Erlebnis. Manchmal fühlten wir uns auf seltsame Art an China erinnert. Sind es die grossen Strassen? Der Spagat zwischen Reich und Arm? Die Wohnklötze, sobald man etwas aus den Städten geht? Dass es keine Bettler gibt, oder ein Farbiger eine Seltenheit ist? Oder ist es einfach der durchschimmernde Kommunismus? Als wir den Russen, die wir kennen lernten, sagen, dass wir gewisse Similaritäten sehen zwischen der russischen und chinesischen Kultur, fragen die ganz erstaunt: Ah ja? Was den konkret? Da werden Sarah und ich still und schauen uns lange fragend an. Darf man den Russen die Beobachtung unter die Nase halten, dass das Gesamtbild an den Kommunismus erinnert? Wir haben uns dann einfach entschieden zu sagen: die U-Bahn, ja genau, die U-Bahn erinnert stark an China.

1 Comments:
  1. nach ewig langer zeit wieder mal ein feedback von mir

    super bericht, marco

    ich bin mir nicht mehr ganz sicher:
    machst du jetzt eine ausbildung zum reiseführer oder was war’s genau?

    so oder so
    du hast für mich einen neuen fokus auf den osten gelegt, ein anreit, vielleicht mal euern spuren zu folgen – wer weiss

    besten dank auf jeden fall für die farbtupfer, die dein bericht in meinen business-tag gebracht hat
    you made my day – thx

    nb.
    ich kenn’ kein peijing, kein moskau (hätte ich bei beiden nicht hingehen wollen) und schliesslich, und hier leider, auch kein paris
    dies ist lokalisiert worden
    paris oder london – daraus hätte sich ein optimaler abschluss ergeben für mein berufs-leben
    jetzt ist’s halt bern 😐

    bis … – cu

    kurt bleuer · April 21, 2015

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