Unter Konstruktion

marco · October 30, 2012 · Beijing · 1 comments

BÄM!
Was ich jeweils als Exklamationswort benutze, um die Dramaturgie des Textes aufzuwerten, kommt jetzt plötzlich in einem anderen Kontext daher. Nämlich für das, was es auch wirklich steht. Allerdings wäre es in diesem Fall eher BÄM! BÄM! BÄM! BÄM! Und das noch mitten in der Nacht.

Satte 3 Jahre und 3 Monate verweile ich nun bereits in Peking. Etliche Kollegen habe ich kommen und gehen sehen, tausende uns Regen bescherende Wetterraketen hörte ich am Himmel explodieren, und Millionen von Chinesen spuckten mir vor die Füsse.
Nebst all diesen Konstanten hat mich noch was anderes über all die Jahre hinweg tapfer und treu begleitet:
Die Baustelle vor meiner Wohnung.

Chronologisch gehen wir voran:
Als ich meine eigenen vier Wände beziehe und einen skeptischen Blick auf die vier halbfertigen, hohen Türme mir gegenüber werfe, erklärt mir der Vermieter, dass das Gebäude seit Jahren leer steht und nichts weiter passieren würde. Der Investor des geplanten Hotels ging pleite. Aus, fertig.
Paar Wochen nachdem ich eingezogen bin, kriegt die Geisterstadt einen neuen Geldgeber und die Baustelle wird zum Leben erweckt.
Über die Jahre hinweg beobachte ich auf der Baustelle einiges an Treiben. Ich bin zwar Laie, trotzdem wage ich hier zu behaupten, dass das meiste davon sinnlos ist.

In den ersten Tagen der Arbeitswiederaufnahme, wird die Strasse vor meinem Gebäude saniert. Es sollte das erste von etlichen Malen werden.

Ein weiterer Dauerbrenner der Baustelle, die Absperrung. Am Anfang ist da nichts. Dann kommt eine Baufirma, die eine Wand aus Blech aufzieht, um sie mit Werbung zu tapezieren. Man kann sich vorstellen, das Blech auf Metall eine wunderbare Geräuschkulisse abzugeben vermag. Vor allem da die Bauarbeiter es scheinbar als super Idee empfinden, nur in der Nacht mit ihren Vorschlaghämmer auf dem Blech herum zu hämmern.
Diese Blechwand muss nach zirka einem Jahr einer kleineren Blechwand weichen. Ein wunderschön, geräuschvolles Szenario. Hinten hämmern sie das grosse Blech aus dem Gerüst, während dem sie vorne kleineres Blech in ein neues Gerüst nieten.

Derweil wird die Strasse ein weiteres mal umgebaut. Beton weg, neues, breiteres Trottoir hin.

Eines meiner persönlichen Highlights folgt in der Nacht, wo sie die blecherne Absperrung wegnehmen. Ein paar Jungs kriegen die Chance ihre Emotionen an dem laut klirrenden Blech auslassen. Davon offensichtlich nicht genügend befriedigt, fangen sie an die schweren, eisernen Stangen des Gerüstes auf einen Haufen zu werfen. Nur damit später ein übergrosser Bagger kommen kann, der den Haufen Eisen aufhebt, um ihn ein paar Meter weiter unten, scheppernd wieder fallen zu lassen. Das zieht er so alle 3 Meter durch, bis er am Schluss einfach alles liegen lässt. Der Bauarbeiter geht wohl schlafen. Ich versuch es auch wieder.

Four Seasons übernimmt das Baustellen-Monstrum. Luxuriöse Wohnungen soll es geben. Zur Feier des Tages wird die Strasse gleich nochmals abgerissen, damit ein kleiner Garten beim Eingang eingebettet werden kann.

Das Verbindungsstück der Gebäude wird von groben Diesel-Maschinen zerstört. Es stinkt nach Asbest.

Die Strasse wird ein weiteres mal verändert. Dem Planer muss auf einmal in den Sinn gekommen sein: „shit, wir haben die Bäume vergessen!“. Alles wird aufgerissen, um Grünzeug zu pflanzen. Leider sind in Beijing am Tag keine Lastwagen zugelassen auf der Strasse. Das hat zur Folge, dass die Bäume ebenfalls mitten in der Nacht geliefert und auch gleich noch gepflanzt werden. Dafür fahren sie grosses Geschütz auf. Ein ganzer Kran kommt zu Hilfe.
Der zuständige Gärtner jedoch tut das, was wir Nachbarn nicht mehr können: pennen. die Bäume sind viel zu nahe an einander gesetzt, nicht genügend Platz ist vorhanden damit sie blühen können. Jetzt haben wir halbtote Büsche anstelle von Bäumen. Stehen tun sie mitten auf dem Trottoir, dessen Nutzen nun ebenfalls arg in Frage gestellt wird.

Die Eröffnung des Four Seasons wird angekündigt, das obwohl einer der vier Türme noch alles andere als fertig ist.
Grund genug bei der Strasse die einbetonierten Poller auszumeisseln. Natürlich geht das nur mit Bagger und zu später Stunde.
BÄM! BÄM! BÄM! BÄM!
In der freudigen, aber leider falschen Annahme, dass mit der Eröffnung vielleicht auch mal vollends Ruhe einkehren würde, ist diese Aktion zu viel und ich greife zum ersten Mal zum Hörer. Doch der „Manager on duty“ ist bereits unterwegs, dem Lärm auf die Schliche zu gehen. Und tatsächlich, aus dem Fenster kann ich beobachten wie 3 (!!!) Manager in Anzügen vom Kempinski den Bauarbeitern klar machen, dass sie ihren Bagger wieder abzuziehen haben. Nach 5 Minuten ist Ruhe. Die Arbeiter reissen nun von Hand das nutzlose Trottoir auf.
Kempi 1 – Baustelle 0

Männer seilen sich wie im Zirkus an der Fassade ab, um die Fenster zu putzen. Die Rezeption hat Licht und eine Empfangsdame steht parat. Weiter hinten im Korridor ist es noch dunkel. Ein Blick nach oben zeigt, dass an allen Fenstern immer noch ein Sticker der Baufirma klebt.
Das dritte der vier Gebäude ist nach wie vor von einem Gerüst aus Stangen verhüllt. Die armen Anwohner, die noch dessen Abrüstung durchmachen müssen. Ein einzelner Poller liegt ausgegraben auf der Strasse herum. Der Bagger parat zum Einsatz.
Wer weiss, ob ich tatsächlich das vollendete Konstrukt noch miterleben werde.

1 Comments:
  1. Also ich kann die Chinesen einfach nicht ganz verstehen,… zuerst spuken sie dir vor die Füsse und dann gehen sie dem Lärm auf die Sprünge,…. ääähm oder wie war das? 😉

    Luisa Neuenschwander · October 30, 2012

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