Under Cover

marco · September 07, 2009 · Allgemein · 0 comments

Über viele Jahre hinweg, habe ich mir einen bescheidenen und mit viel Mühe erarbeiteten “Gentlemen-Standard” antrainiert.
Dazu gehört der Dame, oder je nach Hoheitsgrad auch einem Herrn, die Türe vor dem Eintreten aufzuhalten, oder zum Beispiel zu Hilfe zu eilen, bei der Verstauung von Gepäck, bevor dieses noch jemanden erschlägt, oder auch nach dem Stuhlgang eine Blick zurück in die Schüssel zu werfen und gegebenenfalls bei der Spülung etwas nachzuhelfen (mou Sam, zwüschdüre hani das auso ou gmacht!).
Allerdings ist es schwierig hier diesen Standard beizubehalten, denn die Gentlemen sind rar gesäht.
Auch wenn man einen halben Schritt hinter der vorangehenden Person läuft, dieser einer kommt es nicht in den Sinn die Tür aufzuhalten.
Dem Grossi mit dem zweieinhalb Tonnen schweren Koffer, wird nur belächelnd zugeguckt, bei deren Versuch, ihr Gepäckstück über den 3 Millimeter hohen Trottoir-Rand zu hieven.
Und von der Schüssel wollen wir gar nicht erst anfangen es uns vorzustellen, was noch alles für Überreste drin zu finden sind und aus welchem Zeitalter, ja welcher Kultur sie abstammen.
Jedenfalls habe ich ja das Privileg zu Fuss zur Arbeit gehen zu dürfen. Hierfür muss ich eine Brücke überqueren. Irgendeiner ohne Uniabschluss hat dieses Teil allerdings so erbaut, dass die Rampen um diese Brücke zu besteigen, genau so verlaufen, dass ich theoretisch zweimal die Brücke passieren müsste. Ist das logisch? Egal, schlicht und einfach suboptimal für mich (ist das ein egoisitscher Gedankengang?). So sehe ich mich jeweils gezwungen zu “bescheissen” und die Strasse auf gut Glück zu überqueren und mich auf die Insel, in der Mitte der Strasse, wo der Bus hält, zu flüchten, damit ich da auf die Brücke kommen kann.
Je nach Menschenmasse, wäre ich allerdings genau so schnell über die Rampe, denn ist die Masse dicht, gibt es kein Durchkommen mehr, und diese von allen Gentlemen-Attitüden-verlassenen Leute, käme es auch nicht in den Sinn, eine wenig Platz freizugeben, um mein Durchkommen zu vereinfachen.
Heute dann noch die hundertfache Herausforderung, es hat nämlich geregnet, und wenn es regnet hat jeder seinen Schirm geöffnet. Schirme sind hier wirklich der Renner, alle haben einen, sogar der kuhle Hip-Hop Chinese trug einen schönen, pinkigen Schirm mit herzigem Vorhangstrickmuster. Wie dem auch sei, kann ich mich glaube ich nur durch ein Wunder jetzt so glücklich schätzen, noch beide Augen im Kopf zu haben, und nicht eines davon, an einem Draht von einem dieser stylischen, für 2 Franken zu kaufenden Schirmen bambelt.


Aber ich will diesen Blog nicht negativ abschliessen, denn vielleicht und eventuell tue ich den Chinesen unrecht, denn einmal beobachtete ich eine Szene, die mein Urteil, falls ich es noch vermehrt entdecken sollte, wieder revidieren lässt.
Eine Frau mit ihrem Koffer auf der Treppe, sie schleppt ihn wirklich hinter sich her, sauschwer das Teil, sie keucht und kämpft. Da kommt ein Chinese von hinten und nimmt ohne etwas zu ihr zu sagen den Koffer. Ich hab schon gedacht, vielleicht ist es ihr Freund, der Typ aber, trägt das Gepäck bis hinunter an die Treppe und lässt in dort, so schnell er ihn aufgeschnappt hatte, auch wieder los und verschwindet genau so schweigsam wie er gekommen ist.
Vielleicht sind die Chinesen einfach nur stille Gentlemen.

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