Theater um grosses Kino

marco · November 29, 2011 · Beijing · 0 comments

Man findet viel in Beijing, was man als Schweizer im Ausland vermissen würde. Da hat es zum Beispiel eine Käserei, die einem den Gruyere unter die Nase reibt, die Lindor Kugeli sind in den Regalen einiger Supermärkte aufgereit und eben, die Rivella Fläschchen haben auch ihren Weg auf chinesischen Grund gefunden.

Eines aber gibt es nicht, und das vermisse ich, unter den materiellen Werten, fast am meisten.

Grosses Kino!

Oder nein falsch, das wäre dann wohl eher kleines Kino.
Grosse Filme flimmern hier nämlich durchaus über die Leinwand. Aber leider auch gerade nur die teuersten und kommerziellsten davon. Gerade mal 20 ausländische Filme sind pro Jahr in China zulässig, und ausgewählt werden nur jene die komplett familientauglich sind. Denn eine Altersfreigage gibt es nicht, der Film muss also wahrhaftig einer Altersgruppe von Null bis knapp 75 (durchschnittliche Lebenserwartung in China) entsprechen. Dass Besucher aus der ganzen Alterspalette anwesend sein dürfen, bekommt man auch durchaus zu sehen, und oft auch zu hören. Junge Mütter genieren sich hier überhaupt nicht ihre Säuglinge mit ins Kino zu nehmen, welches einem nebenan in die Ohren brüllt und ein bisschen seines Sabbers auf die Hosen tropfen lässt. Zwischendurch wird bei den Filmen auch etwas nachgeholfen, um sie in die Kinos zu bringen. So werden negativ geäusserte Aussagen gegenüber Chinas diskussionslos aus den Filmen geschnitten.

Durch diesen Umstand habe ich dieses Jahr einen Überschuss an Blockbustern zu mir führen „müssen“. Da war alles drin, von einem hammerschwingengen Gott, über nervende Piraten, bis zum Kung-Fu Panda. Letzterer übrigens der meistgeschaute Zeichentrickfilm in ganz China, mit dem Ziel nun, der meistgeschaute animierte Film zu werden der ganzen Welt. Dieser Platz wird soweit noch vom König der Löwen gehalten, aber der Panda ist auf dem Weg, dem Löwen seine Schnauzhaare auszuziehen. Und das geht er taktisch an. Auf einem der grössten Internet Portale Chinas, wo Filme und Serien angeschaut werden können, wurde der Film zum gratis anschauen freigegeben. Disney hat reagiert und wehrt sich gegenüber Dreamworks. Die ganze Cartoon-Palette von Mickey und co. ist nun auf der selben Plattform wie der Panda gratis zu sehen. Kampf der animierten Giganten.

Aber eben, die gigantischen Filme im Kino gehen mir langsam auf die Eier. Mir fehlen bei diesen Filmen das Herz und der Charakter. Ablauf ist immer der gleiche, ob es da nun ein Säbel zückender Pirat, oder ein zum Zauberstab greifenden Teenager hat. Oft sind die Streifen dann auch völlig überladen an Effekten und die Geschichte, sowie die Charaktere, gehen in diesem Haufen an Lärm gänzlich unter. So gesehen zuletzt beim Film mit Hauptdarsteller Tin Tin.

Mir fehlen die kleineren Produktionen, und die umso grösseren Überraschungen, wo man merkt, dass jemand hinter der Kamera sitzt, der Filme macht, weil er Filme liebt und nicht weil er auf einem Berg Geld sitzen möchte.

Und trotzdem ist grosses Kino möglich in Beijing. Immer mehr Stars und Sternchen kommen in die Stadt um neue Produktionen zu lancieren. So verweilt zur Zeit auch Keanu Reeves irgendwo in der Metropole. Das sorgt für Gesprächsstoff. Und gerade als wir am Mittagstisch davon träumten wie unglaublich es wäre, wenn uns doch der Keanu über den Weg laufen würde, lief er tatsächlich an uns vorbei! Der Held aus meinen jungen Jahren, Hauptdarsteller von so vielen meiner Lieblingsfilme, ging einfach vor unserer Nase durch. Obwohl es nur Sekunden gedauert und Keanu ausgesehen hat, humpelnd und unrasiert, als kuriere er gerade den Kater seines Lebens aus, hat sich diese Begegnung eingebrannt und alle bisherigen Kino Erlebnisse von diesem Jahr überschrieben.

Das macht vieles wieder Wett und vielleicht wird dieser Kung-Fu Streifen, den Keanu scheinbar in China ins Leben rufen will, dann auch mal wieder ein Film aus Herz und Blut.

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