Sensationell daneben

marco · March 19, 2011 · Allgemein · 1 comments

Den Blog brauche ich jetzt kurz als Ventil, denn ich muss mal ein wenig Dampf ablassen.

Die Situation in Japan hält uns weiterhin auf Trab. Mittlerweile ist das auch auf China übergeschwappt. Irgendein Idiot bei der Presse hat in die Welt gesetzt, dass Salz eine gute Wirkung gegen radioaktiv verseuchte Angelegenheiten hätte. Nun sind die Chinesen völlig am durchdrehen und kaufen ganze Geschäfte leer. Dies alles andere als so diszipliniert wie die Japaner. Hier wird geschubst und gedrängt, gebissen und geklemmt. Jeder schaut für sich. Dies die Grundhaltung. In solchen Momenten verfluche ich die Chinesen.
Dann plötzlich war überall das Salz ausverkauft. So sind sie dann auf Soya-Sauce umgestiegen, da diese sehr salzhaltig sei. Und mittlerweile machen einige im Internet ein riesen Geschäft, indem sie Salz teilweise zum hundertfachen vom Originalpreis verkaufen.

Die Angst ist also gross. Vorallem auch bei den Schweizern. Etliche besorgte Anrufe gehen auf der Botschaft in Peking ein, ob man sich schon mit Jod eindecken soll, wie sieht es mit Flügen aus, ob die Kolonie in China gar Evakuiert würde?
Komplett gaga! Die Distanz zwischen Beijing und Fukushima beträgt über 2000 Km. Mehr als damals Tschernobyl zur Schweiz.
Einen Vorwurf kann man den Leuten kaum machen. Denn die Angst wird von der Presse auf drastische, primitive und peinliche Art und Weise geschürt.

Vor ein paar Tagen öffne ich die Webseite von 20 Minuten. Mir fliegt ein Titel entgegen, irgendwas mit Super-GAU und einem Titelbild voll Feuer und einer schreienden Japanerin. Das Bild so gross wie nur möglich.
Mein Grossi, hätte ich denn noch eins, würde verständlicherweise sofort denken, in Japan geht die Welt unter. Da steht nichts mehr und das ist der gefährlichste Fleck auf Erden, den es im Moment gibt.

Gestern war ich mit Tokio am Telefon. Da die Botschaft dort momentan viel zu tun hat, half ich kurz aus um ihre Webseite auf den neusten Stand, mit den aktuellsten Infos zu versehen. Derjenige am anderen Ende der Leitung war ruhig, durchdacht, alles andere als hektisch. Er hat mir bestätigt, dass die Situation in Ordnung sei und dass die Spezialisten vor Ort, gerade bei den Kraftwerken, alles erdenkliche tun um das Schlimmste zu verhindern. Die machen ihren Job sensationell und man soll denen vertrauen.
Was der Botschaft zur Zeit am meisten Arbeit macht, sind die Schweizer. Nicht aber jene, die in Japan leben, sondern jene aus der Schweiz. Die laufen Sturm. Die Botschaft würde überhäuft von Anfragen. Alles nur wegen der Presse.
Die Presse macht einen auf Sensation. Und vor allem provoziert sie Panik, meinte mein Kollege in Tokio. Am besten wäre es für manche Schweizer, gar keine Zeitungen und Nachrichten mehr zu schauen, sagte er mit etwas Verzweiflung in der Stimme.

Ich war immer der Annahme, dass das Schweizer Fernsehen eine etwas ausgewogenere Nachrichtenquelle sei. Jetzt stolperte ich da aber über einen Beitrag von dem Korrespondenten in Tokio. Da behauptete dieser glatzköpfige Idiot doch tatsächlich, die Regierung habe die Kontrolle über die Situation komplett verloren! Woher genau will er das wissen? Und wieso behauptet er so etwas? Bekommt er einen Bonus dafür, nur weil er etwas spektakuläres zu berichten hat? Oder möchte er als Held gefeiert werden, falls dies nun wirklich eintreffen sollte und er dann sagen kann, tja, ich habs ja schon damals gesagt?

Eine weiter Anekdote betrifft das Rettungsteam, welches in Japan im Krisengebiet war. Dieses hat ja mittlerweile seinen Einsatz beendet.
Nun ging es darum, diese zurück zu senden in die Schweiz. Sie werden am Samstag erwartet. Jedoch liess sich gerade kein Flug finden. Nicht zuletzt, weil die Chinesen aus unbekannten Gründen, das Überflugsrecht nicht erteilten.
Wie dem auch sei, das Rettungsteam würde es wenig kümmern. Die sind in ihren Hotels und machen vorallem eins: schlafen.
Trotzdem ist die Botschaft in Beijing seit Tagen daran, einen Flug zu organisieren. Genau gleich wie die Botschaft in Tokio. Und warum?
Nur damit dann nicht die Presse neues Material hat, um irgendwelchen Brunz zu schreiben, weshalb jetzt das Rettungsteam nicht eingetroffen sei? Sei das Departement wieder am lauern?

Das grösste Chaos verursacht also die Presse. Kein Wunder, all diese Gratisblätter müssen ja auch etwas zu berichten haben. So kommt ihnen die jetztige Situation sehr gelegen, jetzt können sie die Seiten wieder mit dramatischen Titel füllen. Aus sehr tragischen Vorkommnissen, wird ein enormer Profit geschlagen.

Aber was rege ich mich auf, ändern kann ich es nicht.
Aber ihr könnt es ändern. Darum bitte liebe Freunde, wo auch immer ihr seit. Fallt dieser Verblödung nicht zum Opfer. Schwierig ist es, eine verlässliche Quelle zu finden. Aber glaubt nicht alles. Es wird wirklich unglaublich viel Scheiss behauptet, was schlicht und einfach nicht stimmt und nur publiziert wird, damit etwas publiziert wurde. Es ist sicherlich gut sich auf dem Laufenden zu halten, aber versucht zumindest das ganze etwas zu relativieren.

China muss ja immer wieder den Vorwurf hinnehmen, dass nichts an die Öffentlichkeit gelange und vieles verschwiegen werde.
Ich frage mich aber langsam, was schlimmer ist. Eine Presse die nur Mist erzählt, oder die Zensurpresse. Ich persönlich finde beides ähnlich schlimm und traurig.

So, und jetzt hoffen wir, dass genau wie ich, die Reaktoren etwas mehr Druck ablassen konnten.

1 Comments:
  1. Hi Schlittä
    wieder einmal ein sehr guter Artikel! Du hast vollkommen recht, die Presse mach eine Katastrophe zu einer riesen Kathastrophe. Vor einer Woche als der Tsunami auf die amerikanische Westküste zu rollte, hätte man, wenn man denn dem lokalen Fernsehen geglaubt hätte, meinen können Amerika geht unter. Es wurde alles dramatisiert und die Amis sind zu hunderten an den Pazifik gefahren um das Schauspiel live miterleben zu können – dabei sind 3 Personen ins Wasser gefallen! Sensationsjournalismus führt zu Sensationsgeilheit……wenn man nicht immun dageen ist!!! Liebe Grüsse Schwoscht

    Trinälä · March 19, 2011

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