Sehr ungesund bis halsbrecherisch

marco · November 16, 2011 · Allgemein · 3 comments

Heute lauten die Werte der Luftqualität die wir in Beijing einatmen „sehr ungesund“. Jedenfalls wenn man den Informationen der amerikanischen Botschaft glaubt. Die Chinesen wiederum behaupten was ganz anderes.
Zur Zeit scheint ja das Thema Smog in China, bis in die Schweiz ihre Wogen zu schlagen.
Hier also ein Bericht aus der Quelle des Drecks. Einmal tief einatmen und los:

So in etwa eine normale Aussicht von der Brücke, die ich jeden Morgen zu passieren habe. Fernsicht liegt in etwa im Durchschnitt. Doch war es in letzter Zeit wahrhaftig eher schlecht als recht.
Wie ihr in meinem vorletzten Bericht erfahren konntet, war die Nebelmasse zeitweise so dicht, dass gar Flüge annulliert werden mussten. Aus was genau dieser „Nebel“ besteht, ist sich niemand so sicher. Wahrscheinlich ist es einfach ein Mischmasch aus natürlichen Wasserperlen, zusammen mit einer unnatürlichen Prise Feinstaub.
Was ja immer wieder in der Presse aufgegriffen wird, ist der Vergleich zwischen der chinesischen und der amerikanischen Messung der effektiven Belastung.

Damit ihr endlich wisst, von was dass da geredet wird, hier die fast stündlich aktualisierten Resultate zu der amerikanischen Messung auf Twitter:
http://twitter.com/#!/BeijingAir

Eine Seite, wo die offiziellen Angaben der Regierung verifiziert werden können, gibt es, man staunt, tatsächlich auch. Und sie zeigt sämtliche Messungen aus ganz Beijing.
http://www.bjepb.gov.cn/air2008/Air.aspx

Die Werte an sich unterscheiden sich nicht wahnsinnig markant, jedoch die Einstufung dann schon. Wo die Amerikaner ein „very unhealthy“ vergeben, ist es bei den Chinesen dann halt nur „eine leichte Verschmutzung“.

In letzter Zeit scheinen sich aber selbst die Chinesen zu wiedersprechen. In einem Bericht auf German.China.org.cn zum Beispiel verurteilen sie zuerst die amerikanische Messungen, man soll denen nicht glauben, ihre eigenen seien schon richtig. Im nächsten Bericht dann allerdings, gesteht der Minister für Umweltschutz, dass das bestehende Beurteilungssystem der Luftqualität mangelhaft ist (http://german.china.org.cn/environment/txt/2011-11/10/content_23877904.htm / http://german.china.org.cn/china/2011-11/12/content_23897672.htm).

Die negativen Meldungen treten immer häufiger hervor. So gehört China gemäss der WHO zu den schlimmsten durch Feinstaub verschmutzten Orte der Welt. Die Anzahl Krebstote hat soeben jene der „natürlich“ Verstorbenen überschritten. Obwohl die Regierung immer wieder beruhigt, wird, vor allem im Internet, immer mehr reklamiert.
(Wer übrigens wirklich eine üblen Ort betreffend Verschmutzung suchen will, der google nach der chinesischen Stadt „Linfen“ und schaue sich da die Bilder an.)

Man weiss kaum, wem man noch glauben kann.
Persönlich merke ich schon Unterschiede zu der frischen, vom Durchzug des Himmelstors herunter geblasenen, Luft der Schweiz. So bin ich prinzipiell erschöpfter in Beijing. Da spielen sicher noch andere Faktoren wie Lärm, hektisches Leben und Arbeit mit. Und doch berichten auch meine Kollegen in etwa das Selbe.
Ebenfalls auffallend, nach einer gewissen Zeit ausserhalb Pekings und der darauffolgenden Rückkehr, kratzt der Hals für ein paar Tage, bis er sich scheinbar wieder an die gegebenen Umstände gewöhnt, und man ein paar mal richtig gerotzt hat.

Sport zu treiben draussen vermeide ich so weit es geht. Trotzdem ist die Lust manchmal zu gross, was mich vor zwei Wochen dann doch vors Haus getrieben hat. Die Folgen nach einem zwei stündigen Tennismatch bei Luftverhältnissen von „very unhealthy“ waren eine Erkältung, in Begleitung einer missratenen Stimme, und Halsweh für etwa eine Woche.

It’s all in your head!
Stimmt, von all diesen verdreckten Neuigkeiten kann man ja nur krank werden.
Und oft ist nicht alles so schlimm, wie es scheint.
Der Herbst zum Beispiel hat sich von seiner farbigeren Seite gezeigt und unsere Strasse vor der Botschaft regelrecht in eine Touristenattraktion verwandelt.

Eine ultimative Gefahr glaube ich besteht nicht. Die paar Jahre hier werden vielleicht ihre Spuren auf meiner Lunge hinterlassen, aber die sind dann, wenn mal zurück in der Schweiz, schnell wieder fein säuberlich gefiltert. Kein Grund zu hyperventilieren also.

Oder dann doch, gerade in dem Moment springt die amerikanische Anzeige auf „Hazardous“!
Halsbrecherisch mögen sie sein diese Werte, aber irgendwie hat doch so eine Strasse, gefüllt mit rot leuchtenden Autos, die bis zum Horizont reichen, durchaus was anschauliches.

3 Comments:
  1. Apropos Zusammensetzung von Smog: hier ein Input vom Fachmann: smog = aus engl. “smoke” + “fog”

    Jonas · November 16, 2011
  2. Danke für diesen Beitrag. 🙂

    Rachid · November 16, 2011
  3. As said, I think the Embassy should move to Shanghai, where the air is cleaner, the weather is warmer and the girls are nicer 🙂

    S · November 16, 2011

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