“Scheiss… egal” auf französisch

marco · September 25, 2014 · Paris · 0 comments

Ich war eigentlich kurz davor, den an Paris hängenden Ruf, sehr unfreundliche Bewohner zu haben, zu dementieren.
Diese Meinung hat sich nach den letzten Wochen drastisch geändert, leider.

Wir waren an einem Konzert.
Es war das Konzert der beiden Popgrössen schlechthin im Moment: Beyoncé und ihres Gatten Jay-Z.

Schon auf dem Hinweg wird schnell einmal klar, wir hätten in Trainingshosen kommen sollen.
Zugegeben, das war zu erwarten.

Vor unserem Eingang schlängelt sich eine Schlange um das halbe Stadion. Wir haben Sitzplätze, sind jetzt aber irgendwie trotzdem am stehen. Top Organisation!
Wir kommen zum Security-Check. Vor mir ein Fass von einer Sicherheitsdame. Sie schaut mich an und fragt mich, ob ich eine Frau bin. Meine französisch Kenntnisse sind nicht schlecht, doch wenn bei Lärm ultra schnell auf mich irgendwas eingelabbert wird, kann ich noch meine Mühen haben. Ich check ich im ersten Moment also nicht, was das Fass will. Da fragt sie nochmals, diesmal einfach ein bisschen lauter. Ich check immer noch nicht, und versuche irgendwie ihren Witz zu verstehen. Da fängt sie an mich so richtig zusammen zu scheissen, bis der Security-Guard nebenan Mitleid mit mir kriegt und mir in normalen und verständlichen Worten erklärt, dass ich in der Frauenschlange stehe. Wegen abtasten und so, checksch!
Sehr nettes Personal, also sehr nett.

Wir gehen zu unseren Plätzen und die sind besetzt. Wir bitten die Familie, sich doch bitte auf ihre eigenen Plätze zu begeben. Unter einem genervten Murren verziehen sich die unerwünschten Gäste sehr zaghaft.
Klar, ich hab auch schon anderen ihre Plätze geklaut, wo niemand aufgetaucht ist. Mal in einem Flug nach China eine satte vierer Reihe, nur für mich. Doch normalerweise erst, wenn die Luft rein ist. Und wenn dann doch nicht, dann beschwere ich mich sicherlich nicht auch noch.
Item, von unseren Plätzen sind sie weg. Ihr Spielchen, von einem Platz auf den nächsten verscheucht zu werden, können wir aber den ganzen Abend lang noch beobachten.

Das Konzert geht los. Der Sound ist “terrible”. Es klingt als hätte einer ein Mono-Lautsprecher in einer Höhle aufgestellt. Dem Organisator, so vermute ich, ist es aber wahrscheinlich: scheiss… egal.
Hinter uns springt die Teenie-Gruppe aus England aus ihren Sitzen. Sie schreien uns in den schrillendsten Tönen Mitten ins Ohr: “Oh my God! You are so f**king beautiful!” Es tut bis ins Hirn weh!
Neben uns ist ein junges Päärchen. Er ein Hip-Höpster Muskelpaket, sie ein Flittchen wie aus dem Videoclip. Sie trinken Champagner aus Plastikgläser. Durch das ganze Konzert hindurch gehen sie nacheinander entweder auf die Toilette, oder mehr Champagner holen. Natürlich ist es ihnen scheiss… egal, wenn sie uns dabei aber auch jedes mal auf die Füsse stehen.

Andere Gäste kommen spät und drücken sich in unsere Reihe. Es stellt sich heraus, dass unsere Champagner-Nachbarn auch nicht am richtig Platz sind. Hier weigert sich allerdings das Muskelpaket seinen Platz zu räumen. Es gibt ein kleines Handgemänge, wo es dem Flitchen mit ihrer hysterischen Stimme gar gelingt, die durchdringende Note Beyoncé’s zu übertönen.
Schlussendlich verzieht sich die Hälfte der Gruppe und die andere Hälfte bleibt dicht neben uns stehen. Wo die Plätze für 2 gedacht sind, stehen jetzt also 4. Sie treiben es aber vor allem noch damit auf die Spitze, dass sie sich in den Pausen zwischen den Liedern AUF UNSERE STÜHLE SETZEN. GLOUBSCH? Ich kann ja verstehen, dass es sie ankackt ihre Plätze quasi “verloren” zu haben, aber das heisst ja noch lange nicht, dass WIR sie nun auf dem Schoss haben müssen, oder? Das versuche ich dem Franzosen auch zu erklären, es ist ihm aber mehr oder weniger: scheiss… egal.

Nach 2,5 Stunden einer eher enttäuschenden Darbietung der beiden Artisten, sind wir irgendwie froh, dass es zu Ende ist. Das schönste am ganzen war die Aussicht:

Beyonce

Von der Lust getrieben, echte Kutlur zu erleben, machten wir uns Tags darauf auf den Weg Richtung Jardin Luxembourg.
Wir präferieren oft den Bus, über die U-Bahn, wenn es der Faktor Zeit erlaubt. Es stinkt weniger nach Pisse. Man wird nicht schräg angequatsch (passiert mir andauernd hier), es ist etwas zivilisierter.
Haben wir uns zumindest so gedacht.

Der Bus bumsvoll. Alle Plätze besetzt und wir am stehen. Sarah ergattert sich irgendeinmal ein Plätzchen. Ich bleibe stehen und werde stets etwas mehr abgedrängt. Der Platz neben Sarah wird frei, durch die Menschenmenge will ich mich allerdings nicht durchdrängen und der Platz ist auch schnell wieder besetzt. Als der Sitz erneut frei wird, legt Sarah ihre Tasche darauf, um ihn mir freizuhalten. Da kommt ein arroganter Franzose und setzt sich als erstes mal einfach frech auf Sarah’s Tasche. Ich spreche ihn höflich, auf französisch versteht sich, an und erkläre ihm, dass meine Freundin mir den Platz freigehalten hat.
“Et alors!”
Seine Reaktion. Damit habe ich nicht gerechnet und das merkt er:
“ET ALORS!” und weil er denkt ich versteh ihn nicht, dann noch das Tüpfelchen auf dem “i”: “SÖU WUATÖ!”
Und er setzt sich dicke hin. Es gäbe hier keine Reservationen, meint er, und es ist ihm offensichtlich alles Scheiss… egal.
Sarah und ich völlig paff von der aggressiven Reaktion des Franzosen. Sarah, natürlich nicht gewillt neben diesem Idioten sitzen zu bleiben, steht auf und wir stehen den Rest der Fahrt. Mit offenen Mündern beobachten wir das Prachtexemplar von einem richtig grossen Arschloch.
Ich meine, was macht man da?! Klar, wenn er irgendwie gesagt hätte, er möchte jetzt da sitzen, weil ihm der grosse Zeh weh tut, oder weil er noch ein bisschen besoffen ist von der Flasche Wein, die er zum Mittagessen gekillt hat, einfach irgendein Grund in einem anständigen Ton, natürlich hätte ich ihm den Platz überlassen. Mit Freuden sogar!

Enttäuscht über die Menschheit, ist der Besuch im Jardin Luxembourg für uns verdorben. Natürlich kommen einem im Nachhinein hundert Sachen in den Sinn, was man so einem Typen an den Kopf hätte werfen sollen. Sarah wollte ihm sagen: dass das keine Art ist, mit seinen Mitmenschen zu reden. Ich wollte ihm sage: dass ich schwer hoffe, dass er alleine und unglücklich stirbt!
Ungewohnt über solche Begegnungen aber, blieb es lediglich bei den Gedanken. Besser so. Gebracht hätte es eh nichts. Der Rest muss nun das Karma übernehmen.

Die Rückfahrt treten wir in der U-Bahn an. Zwei hackedichte Junkies fallen bei ihrer Bettelei fast über uns. Die eine davon steckt sich eine Zigi und fängt getrost an, in der U-Bahn zu rauchen. Ihnen ist es offensichtlich auch Scheiss… egal.

Ich könnte die Liste noch beliebig weiterführen, warum mich plötzlich die stets peinlichen Leistungen der noch so stolzen Nation, nicht mehr erstaunen.

Zum Beispiel, als wir am Sonntag Tennisspielen gehen wollen, auf einem vor-reservierten Platz versteht sich, die Betreiber sämtlicher Sportanlagen sich aber kurzfristig dazu entschieden haben, zu streiken. La France!

Oder das man in den Pariser Strassen steht’s gut schauen muss, wo man hinläuft, weil man sonst nämlich oft einen Schuh voll Hundekacke mit nach Hause bringt (den Hundehaltern ist es offensichtlich auch Hundekacke… egal).

Oder wie der Putzmann, der bezahlt wird die Stadt sauber zu halten, neben den Mülleimer, den er gerade geleert hat, seine ausgerauchte Kippe an den Boden schmeisst.

Oder, wenn man sich mal achtet, und sieht wie die Franzosen hinter dem Lenkrad stets am rummotzen sind. Und wehe man bleibt auch nur eine halbe Sekunde bei einer grünen Ampel stehen, dann gibt es ein Hupkonzert, das selbst Jay-Z das Käpi von seinem Haupt lupfen würde.

Doch, ich würde gerne diesen Blog auf einer positiven Note abschliessen. Den natürlich hat es auch ganz tolle Überraschungen, hier in Paris.

Ok, ich versuchs. Letzten Samstag hatten wir wirklich eine freundliche Bedienung im Restaurant.
Ah nein, die war aus England.

Ok, ein anderes Beispiel vielleicht?
Meine Landlady ist tatsächlich ganz eine nette. War schon paar mal bei ihr und ihrem Gatten eingeladen zum Apéro.
Ah nein wart, die ist Australierin.

Ok, hier klappts.
Die Bäckerei vorne an der Ecke. Die Leute dort sagen immer nett “Bonjour” und lächeln noch dazu, wenn man sein Baguettli kauft.
Belgier!

Vergessen wirs, liegt wahrscheinlich daran, dass der grossen Nation ihre Sommerferien vorbei sind. DAS ist ihnen nämlich NICHT scheiss… egal.
Item, ich versuchs ein andermal wieder.

Derweil studiere ich an meinem nächsten Film herum. Vielleicht handelt der von einem richtig grossen Arschloch. Und spielen tut er… in Paris.
Titel: “Casse couille!”

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