Rural China

marco · November 21, 2010 · Allgemein · 1 comments
Einmal VIP sein!
Dieser Wunsch haben vielen. Und mir ist es letzte Woche passiert.
Ich hatte die Ehre, einen unserer Diplomaten, plus ein Kollege aus der humanitären Hilfe, auf einer ihrer Geschäftsausflüge zu begleiten. Es war also mal wieder Zeit den Anzug aus dem Schrank zu nehmen und abzustauben.
Ja was macht denn ein System Administrator auf solch einem Businessauflug, fragt ihr euch.
Hab ich mich auch gefragt.
Aber zu viele Fragen wollte ich nicht stellen, da ich mir diese Chance nicht verspielen wollte, da mitzugehen.
Es ging darum einige Schulen zu besuchen, etwa 3 Fahrstunden von Beijing entfernt, welche angewiesen sind auf Unterstützung. Von uns käme dies in Form von alten Computern (AHA!!!).
Ich wusste nicht was mich erwartet. War ja noch nie auf Diplomanten- Geschäftsreise.
Und angefangen hats pompös.
Bei der Ausfahrt zur Kommune, wurden wir von zwei Vize-Majors und diversen Kollegen empfangen. Dabei hatten sie vier schwarzen VW Autos der Luxusklasse und ein Polizeiwagen, die uns erwarteten und eskortierten. Immer zuvorderst der Polizeiwagen, dann wir und hinter uns die Armada. Standblinker gesetzt und losgebraust.
An jeder einzelnen Kreuzung stand ein Polizist bereit, welcher für uns den Verkehr anhielt, damit wir problemlos passieren konnten.
Bei der ersten Schule angekommen, die Grundschule, ein riesen Auflauf von Menschen. Kaum waren wir aus dem Auto ausgestiegen, kamen Kameramänner und Fotografen auf uns zugerannt. Beim Schuleingang standen die Lehrer in einer Reihe aufgestellt Spalier, und begrüssten uns mit Beifall. An der Schule selbst hing ein Banner, wo auf chinesisch geschrieben stand, Willkommen Besucher der schweizer Botschaft.
Darauf folgte der erste formelle Teil. Ein grosser Tisch, bestückt mit Früchten und Blumen. Herum platziert etwa 10 Chinesen und am anderen Ende wir drei Schweizer. Ein Übersetzer stand uns zur Hand, welcher die ersten 15 Minuten nur mit den Übersetzungen der vielen Danksagungen beider Seiten beschäftigt war.
Die Schule, genau wie die Gegend, sehr heruntergekommen. Die Wände am bröckeln, viel Putz weg, einige Fenster die fehlen, Heizung keine und in einem Klassenzimmer, in der Grösse etwa eines durchschnittlichen Wohnzimmers, an die 30 Schüler.
Als wir eine Klasse besuchen durften, standen die Schüler auf und begrüssten uns ebenfalls mit Applaus, bevor sie alle aufs Mal, wie auf Kommando, sich wieder setzten. Die herrschende Disziplin unübersehbar.
Bevor wir zum Mittagstisch übergingen, besuchten wir noch eine gehobenere Schule in der Stadt Zunhua und wurden in einem Museum, das Zhu Enlai gewidmet wurde, über dessen ehrenvollen Besuche instruiert.
Vor Zhu Enlais goldener Statue, wurden dann auch die ersten Gruppenbilder geschossen. Der Gerechtigkeit wegen gegen die Sonne, damit wir auch alle Schlitzaugen machten.
Im Restaurant angekommen, folgte noch eine weitere traditionelle Zeremonie, typisch chinesisch.
Man betritt einen Raum, der nur am Rand entlang gestuhlt ist. Dort setzt man sich auf diese alten, klobigen Stühle dem Rang entlang hin und diskutiert auf sehr unpersönliche Weise, da nicht gegenüber einander, ein bisschen. Abgeschlossen wird dieses Spiel mit der Übergabe verschiedenster Presente beider Parteien und erneut mit einem Gruppenfoto.
Dann kam der Mittagstisch.
Drei Schweizer und 7 Chinesen.
Ich hebe dies deshalb so hervor, weil ich euch nun in die Tradition solcher Mittagstische instruieren werden.
Ich glaube “Bai Jiu” habe ich auf diesem Blog schon mal erwähnt. Das ist das Nationale Alkohol Gesöff. So ein bisschen der Vodka aus China. Dieser hat aber noch einen stärkeren Bruder, der sich “Mao Tai” nennt. Und genau mit diesem wird angestossen.
Und zwar gibt kein Chinese Ruhe, bevor er nicht mit jedem Gast einmal “Ganbei” also “hopp und ex” gemacht hat. In unserer Runde hat also jeder Chinese dreimal Ganbei gemacht, wovon wir… ich überlass euch das Rechnen, denn irgendeinmal habe ich den Faden verloren. Nebst dem musste man nämlich noch mit einem grösseren Glas, welches “nur” mit “Bai Jiu” gefüllt war, sonst noch anstossen.
Die Lampen waren voll und kurz vor dem auslöschen.
Am Nachmittag besuchten wir die letzte Schule, weit draussen auf dem Land. Sehr rustikal präsentierte sich das Gelände. Bilder aus den Nachrichten von afrikanischen Ländern wurden einem in Erinnerung gerufen.
Grosse Augen machten die Schüler, als wir in eine Englisch-Lektion hinein platzten.
Ausserordentlich erstaunlich bei allen Schulen war, wie bekannt die Schweiz ist!
Klar, die erste Klasse konnte sich wahrscheinlich noch vorbereiten auf unseren Besuch, aber eine Schule besuchten wir unplanmässig. Und auch die konnten uns sagen, wo die Schweiz liegt, welche Sprache wir sprechen und das wir bekannt sind für unsere Uhren.
Zum Schluss nahm uns die Armade noch mit, ihre Haupttouristenattraktion die östlichen “Qing Gräber” zu besuchen. Mit Gebilden ähnlich wie z.B. die verbotene Stadt, jedoch mit einem markanten Unterschied: keine Touristen.
Wo man sich in Beijing meist Schulter an Schulter durch die historischen Monumente drängt, war da draussen auf dem Land keine Menschenseele, was dem Ort das zehnfache an spiritueller Kraft verlieh. Ich schliesse nicht aus, dass der Mao Tai ebenfalls eine Rolle gespielt hat beim Beindruckungsgrad des ganzen, trotzdem werde ich zukünftige Besucher auffordern, dorthin einen Abstecher zu machen.
Es war ein ereignissreicher und äusserst eindrücklicher Tag. Allem voran deshalb, weil man nur ein paar Stunden von Peking entfernt, in einer ganz anderer Welt landet. Dort herrschen drittweltländer Verhältnisse. Dort wird Ware noch mit dem Esel von A nach B kutschiert. Dort ist es staubig und schmutzig. Den Leuten steht das Leben ins Gesicht geschrieben. Keine High-Heels und Gel Frisuren.
Mir wurde da bewusst, dass ich dieses Land noch null kenne. Wer in Peking und Shanghai war, war nicht in China. Der grösste Teil Chinas ist unterentwickelt und spielt sich im Hintergrund ab. In der von uns besuchten Kommune, ist das durchschnittliche Jahreseinkommen 5000 RMB (ca. 740 CHF) pro Jahr!!! Dies steht im krassen Kontrast, zu den 300’000 Millionären, die es alleine in Beijing gibt. US-Dollar Millionäre versteht sich.
Gleichwohl scheinen die Leute auf dem Land zufrieden zu sein und gaben sich sorglos und äusserst freundlich.
Trotzdem ein komisches Gefühl nach so einem intensiven Tag zurück in die Lichtermetropole und ins Kempinski zu kehren, wo man auf dem Fussabtreter noch den Staub einer ganz anderen Welt vor der Tür hinterlässt.
1 Comments:
  1. kuhler bericht dude!!! ich hatte leider noch nie das vergnügen an einer offiziellen mission teilzunehmen 🙁 aber es geht mir immer wieder wie dir und ich habe auch nach fast 3.5 jahren das gefühl, dass ich von london und england genau gar nichts kenne.

    keep the good work up!

    insel

    BeTTSCHMAN · November 26, 2010

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