Ruhiges Pflaster und lautes Pulver

marco · May 21, 2013 · Beijing, Chineese Culture · 0 comments

In China gibt es viele Leute. Immer und fast überall.
Hier funktioniert die Grundregel nicht “komm wir gehen unter der Woche da hin und das anschauen”. Nein, hier trifft man 7 Tage die Woche Menschenscharen an.
Natürlich auch auf der grossen Mauer. Für einmal jedoch wollen wir, zusammen mit meinem Bruder und seiner besseren Hälfte, dieses steinige Stück für uns allein.

Per Taxi kurven wir einige Stunden hinaus in die chinesische Pampas. Das Wetter spielt gut mit. Am Tag zuvor hat es geregnet und den Staub von Bäumen und Büschen weg geputzt. Die Farben knallen hervor, wie ich es selten zuvor gesehen habe.
Nach einer Pause bei einer Raststätte, wo wir Cailler Branchli mampfend die Attraktion des Tages darstellen, biegen wir auf eine kleine Nebenstrasse ab. Die schlängelt sich den Hang empor, und zwischendurch erhascht man in der Ferne bereits ein paar Türmchen der Mauer. Bei einer von Hügel eingeschlossenen, rustikalen Baracke halten wir an. Wir sind angekommen beim “Dong Po Inn”.

Ein chinesisches Ehepaar hat hier draussen ein Guesthouse errichtet, für genau solche wie wir, die die Mauer einmal nur für sich haben wollen. Der Trick dabei, der Gastgeber späht mit seinem Feldstecher auf die Mauer und schaut, wann die Wächter in ihren Feierabend verschwinden.
Das ist unser Startschuss.
Wir packen einen Champagner ein und wandern hinauf, auf das lange Gestein. Und wahrhaftig, wir sind weit und breit die einzigen da oben. Mit einer Fernsicht bis an den Horizont, wird man sich dem Wunder der Mauer erst richtig bewusst. Ein majestätisches Gefühl.
Die Sonne neigt sich langsam ihrem kuscheligen Ende zu. Das Farbenspiel ist perfekt. Wir füllen unsere Daten-Speicher von all unseren Gadgets wie die Verrückten. Wir lassen den Korken knallen und geniessen die Aussicht bis die rote Scheibe verschwindet.

Sunset_Wall

Am nächsten Tag dann das umgekehrte Spiel. Wir müssen vor den Wachen auf die Mauer gelangen, wenn wir die Wanderung von Simatai nach Jinshanling machen wollen. Das bedingt frühes Aufstehen. Das wiederum bedingt normalerweise, dass man früh ins Bett geht. Das haben wir geschafft, denn irgendeinmal wurde es saukalt im Dong Po Inn und die einzige Heizung war die Bettdecke. Allerdings haben die dort ganz eigenartige Kissen. Es sind Kissen, die anstelle mit Federn, oder Watte, mit so einer Art Maiskorn gefüllt sind. Das mag ja vielleicht gesund sein und alles, aber es ist extrem laut. Bei jeder kleinsten Bewegung hört es sich an, als würde einem im Ohr drinnen diese Maiskörner zu Popkorn explodieren.

Nichtsdestotrotz machen wir uns in aller Herrgottsfrüh auf, auf die Mauer. Vor über 3 Jahren, als ich das letzte mal hier war, war die Strecke noch legal begehbar. Jetzt sind sie das Stück seit geraumer Zeit am restaurieren. Was komisch ist, denn passiert man den Turm, der den gesperrten Teil mit dem offenen verbindet, würde man das umgekehrte erwarten. Der offene Teil ist in massiv schlechterem Zustand. Wir tänzeln über Geröll. Umso zufriedener sind wir damit, uns so früh aus den Popkorn Kissen gehievt zu haben, um den guten Teil der Mauer ganz für uns zu besteigen.

Endless_Wall

Nach etwa drei Stunden in der Einsamkeit, kommen uns vereinzelt Verkäufer entgegen, die uns verzweifelt versuchen ihre Ware an zu drehen. Bald darauf folgen die ersten, tapferen Touristen. Und nochmals etwas später, sind wir zurück in der Menschenmasse.
Aus mit der Ruhe.

Summer_Palace

Ähnlich ergeht es uns am Tag darauf im Sommer Palast. Es ist ein normaler Montag, und der Park bumsvoll.
Die Hütchen tragenden Touristengruppen, mit ihrem durchs Megafon brüllenden Führern, machen die königliche Stimmung des Rückzugortes des Kaisers, schon etwas zu Nichte. Die Kinder beschäftigen sich nebenbei mit verteilten Trillerpfeifen. Hauptsache es macht Krach.
Wir mieten kurzerhand ein motorisiertes Boot und gluckern hinaus auf den See. Das, das Beste was man tun kann. Von hier geniesst man die grandioseste Aussicht auf den Palast und ist ungestört.
Derart ungestört, dass wir den Lärm anhand der Trillerpfeifen mit uns mitnehmen.

Olivi
Ivyli

Wir sind nun mal in China und zur chinesischen Kultur gehört es, irgendwie laut zu sein. Sei es nun mit Rülpsen, laut telefonieren, Hupen oder Feuerwerk.
Genau. Feuerwerk.
Feuerwerk habe ich vom letzten chinesischen Neujahr noch gehortet für meinen Bruder. Der, ein sich bekennender, grosser Fan von Knallutensilien.
Ein kleiner Haken hat das ganze. Nach dem chinesischen Neujahr ist es verboten, Knallkörper innerhalb der Stadt zu zünden. Unsere Mission somit, einen Ort zu finden, wo wir das Zeug trotz allem abfeuern können.
Aber eben, alleine ist man nirgendwo in dieser Stadt.
Der grosse, leere Parkplatz da? Überwacht.
Der Abstellplatz dort? Ein Wächter schaut grimmig.
Hier zwischen den Häusern? Hat eine Leitung oben durch.
Nach Stunden der erfolglosen Suche in der Nachbarschaft, enden wir in einem Hinterquartier. Müll liegt am Strassenrand. Weiter vorne spielen ein paar Jungs Billiard draussen. Wir wagen uns zu ihnen hin, und fragen in die Runde, ob es ok ist, unser Feuerwerk hier zu zünden. Der erste ist wohl schon überfordert nur mit dem Anblick eines Ausländers und winkt ab. Ein andere entdeckt darauf unser Feuerwerk (kaum zu übersehen in dem riesig, roten Karton, dass mein Bruder unter dem Arm trägt) und ist plötzlich ganz aus dem Häusschen: “ja klar, los!”. Er trommelt die ganze Nachbarschaft zusammen und schlussendlich haben wir eine Schar begeisterte Kinder um uns.
Wir zünden einen Teppich voller Knallkörper. Es rattert wie ein Maschinengewehr. Es qualmt wie ein Feuer aus feuchten Blättern. Doch den Zuschauern gefällt es. Sie wollen mehr. So zünden wir alles was wir haben, machen Lärm was das Zeug hält und haben die Zuschauer damit im Sack. Die Kinder hüpfen begeistert um uns herum.
Mitten drin das grösste und glücklichste Kind in diesem Moment, mein Bruder.

Ruhe also kein Zeichen von Qualität in China. Im Gegenteil, umso lauter desto besser. Vielleicht sind sie deshalb auch überall in Gruppen unterwegs, die können die einsame Stille einfach nicht ausstehen.

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