Politischer Karneval gegen Japan

marco · September 16, 2012 · Beijing, Botschaft · 0 comments

Das Geschrei von einem Menschenauflauf reisst mich aus dem Schlaf.
Ich bin mir gewohnt unsanft aus den Träumen gerissen zu werden, sei es von Baulärm, einem Amok gelaufenen Diebstahlalarm, oder einem Lastwagen, der sich an einem Wendemanöver das Getriebe schleisst.
Diesmal aber ist der Lärm ganz anderer Natur. Er kommt von etwas, das nicht ganz typisch für China ist. Der Krach kommt von einer Menschenmasse, die sich auf die japanische Botschaft zubewegt. Eine Demonstration die mehr oder weniger vor meiner Haustür stattfindet.

Zur Zeit ist nichts von Friede, Freude, Eierkuchen im Lande China. Der Disput mit Japan, wem denn nun die Diaoyu Inselgruppe zugehört, ist weitgehend ausgeartet. Aber eigentlich ist nur nichts von Friede und Freude. Der Eierkuchen klebt nämlich an der japanischen Botschaft in Peking. Diese ist von rohen Eier zugekleistert.

Ich wage mich also hinaus, um dem Ursprung des Kraches auf die Sprünge zu kommen. Die etwa ein Kilometer lange Strasse vor dem Kempinski ist für Verkehr gänzlich gesperrt. Vor der Zufahrt zu meinem Gebäude stehen zirka 10 Polizisten. Über mir kreist ein immer wiederkehrender Helikopter. Das 3G Mobilfunknetz ist am Boden. Es herrschen ähnliche Gegebenheiten wie damals beim arabischen Frühling, wo die chinesische Regierung Angst hatte, ihr Volk würde plötzlich auch noch auf Dumme Gedanken kommen.
Allerdings kommen die Chinesen auch jetzt auf stupide Ideen. Mit Eier und Tomaten bewaffnet, marschieren einzelne Protestgruppen zur japanischen Botschaft, um diese damit zu bewerfen. Das Sicherheitsaufgebot vor der Botschaft und Umgebung ist enorm. In drei Reihen stehen dick eingekleidete Anti-Krawall Polizisten. Sie haben den Wut des eigenen Volkes zu ertragen, wenn diese ihre Einkäufe auf die Botschaft schmeissen. Tomaten und Eier sind noch eines, manchmal kommen aber auch Flaschen, oder gar Steine angeflogen.
Damit das Theater überschaubar und unter Kontrolle bleibt, sorgt die Verkehrspolizei dafür, dass die einzelnen Protestformationen stehts in Bewegung bleiben. Sie dürfen nicht vor dem japanischen Botschaftsgebäude stehen bleiben, sondern müssen die 500 Meter der Strasse entlang nach oben laufen, dort um die Absperrung herum und wieder zurück. Die Furiose Meute bewegt sich im Kreis.

Speziell daran ist, dass die Demonstrationen, in einem Land, welches vor allem für seine Unterdrückung bekannt ist, geduldet werden. Da steckt natürlich viel dahinter.
Einerseits hat sich die Regierung, die sich die Beziehungen zu Japan nicht verbocken will, genauso wenig wie Japan mit China, das selbst eingebrockt. Schon früh wird den Chinesen in der Grundschule eingebläut, dass Japan schlecht ist und alle die Japaner hassen und zu hassen haben. Diese Aversion kommt noch aus Zeiten des 2. Weltkrieges, wo Japan in Nanjing eingefallen ist. Somit darf sich natürlich China das provokative Verhalten Japans nicht gefallen lassen.
Wo die Regierung somit nicht so schnell drastische Massnahmen ergreifen will, lässt sie zumindest die Leute auf die Strasse, um etwas Dampf abzulassen.
Andere Spekulationen besagen, dass dieser Ausnahmezustand sehr gelegen kommt, um vor dem anstehenden Regierungswechsel abzulenken. Vor dieser heiklen Änderung an der Führungsspitze des Landes graut es den Oberhäuptern schon länger, und es kann durchaus sein, dass sie den Umstand nicht mehr im Fokus zu sein, gerade sehr Willkommen heissen.

Eine weitere Truppe schreiender Chinesen, mit Plakaten von Mao und Aufschriften wie “Fuck Japan” geht an mir vorbei. “What is your opinion about the protests?”, haut mich ein Chinese an.
Ich halte mich diplomatisch zurück und frage ihn nach seiner Meinung. “Kill Japan!”, meint er kalt.
Vor uns finden sich ein paar Demonstranten mit Säcke voller Eier ein. Die Truppe wird mit neuer Munition ausgestattet.

Ich laufe der kilometerlangen Absperrung entlang weiter. Der Protestlauf ist organisiert wie ein Rockkonzert. Die Polizisten schauen, dass niemand stehen bleibt, der Verkehr ist Umgeleitet, Busse stehen neben dem Geschehen bereit für müde Demonstranten. Für Hungrige gibt es gebratene Nudeln und an jeder Ecke bekommt man ein China Fähnchen.
Manche, so scheint es mir, sind hier auf ihrem allsonntäglichen Familienausflug. Kinder, mit China Stickern auf der Backe, flitzen einem zwischen den Beinen hindurch, dicht gefolgt von Grossvater im Mao T-shirt.
Zeitweilig erinnert mich das ganze etwas an den Fasnachtsumzug in Bern.

Plötzlich herrscht Aufruhr. Zwei Gruppen bleiben stehen und fangen laut an zu Jubeln. Rauch steigt auf. Eine japanische Flagge wird verbrannt.
In der Zeitung lese ich, dass das “Chinese Foreing Ministry” das Volk aufruft, ihre Anforderungen an die Japaner aus China zu verschwinden, in legalem und rationalem Rahmen abhalten soll. Mittlerweile hat auch Japan reagiert und verlangt von China, dass die Sicherheit der japanischen Einwohnern gewährleistet wird. Tatsächlich gab es auch schon Übergriffe auf japanische Staatsbürger und ihre Geschäfte. Somit sind auch alle Sushi und Teppanyaki Restaurants in meiner Umgebung geschlossen. Anderenorts wurden ebenfalls schon japanische Autos auf den Rücken gekehrt und angezündet.
Der Stolz der Chinesen ist tief angekratzt. Die Wut des 2. Weltkriegs über Japan entflammt von neuem und wird wohl für Immer und Ewig weiter glühen.

Es fliegen wieder Flaschen (zum Glück nur Pet) und Eier auf die japanische Botschaft. Rund um mich schreien die Leute “Hen Hao!!!”, sehr gut!!!
Der Polizist fordert mich auf weiterzugehen.
Ich verstaue meine Panasonic Kamera aus Japan vorsichtshalber wieder in meinem Rucksack.

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