Paris Pulverfass

marco · February 01, 2015 · Allgemein · 0 comments

Eigentlich war ich darauf und daran einen Blog zu verfassen, über das idyllische Bergkaff Chamonix, die Weihnachtszeit, Neujahr, Friede- Freude- Eierkuchen halt. Dann aber hats geknallt. Und aus Friede- Freude Eierkuchen wurde: Terror- Chaos- und Charlie.

Es war ein anstrengender Jahresstart, in vielen Belangen.
Ich beginne mein neues Praktikum bei Gaumont Animation als Assistent des Story Editors. Der dritte Tag ist sogar für den winterlichen, Pariser Standard sehr trüb. Dichter Nebel umhüllt die Häuser und obwohl es nicht wirklich regnet, bin ich auf dem Fahrrad patsch-nass. Es liegt was in der Luft. Kurze Zeit später kommt es zu der Schiesserei in Paris. Die Neuigkeiten gehen natürlich um wie ein Lauffeuer und plötzlich kleben alle an den News. Zugegeben, wenn man liesst das ein paar Amok laufen und sich ihr Tatort in ca. 10 minütiger Entfernung vom eigenen Büro befindet, läuft es einem schon kalt den Rücken runter.

Am Mittag traut sich keiner so recht raus. Man schleicht sich um die Ecke in den nächsten Supermarkt. Ab jedem Hupen schreckt man auf. Die sonst unbeachteten Sirenen der Polizei in der Ferne, versetzen einem jetzt in Alarmbereitschaft.
Die Stimmung ist bedrückt. Am Abend gehen wir in die nächste Bar, mit dem Ziel die Ereignisse zu verdrängen. Es gelingt, die Bar fühlt sich an wie eine abgekapselte Welt. Es wird viel gelacht, der Terror ist kein Thema. Würde jemand unwissendes in die Gesellschaft hinein spazieren, diese Person würde nichts von dem ganzen Theater merken.

Am Abend fahre ich an der Strasse vorbei, wo Schauplatz war des Verbrechens. Jeden Tag fahre ich da vorbei, und für die ganze nächste Woche, sollte sie von Sendefahrzeugen der News-Kanäle aus aller Welt zugepflastert sein.
Der Platz der Republik, den ich ebenfalls tagaus tagein passiere, wird mehr und mehr von Kerzen übersäht. Die Jugend hängt an der eisernen Statue und schreit: Charliberté!

Charlie

Doch die Geschichte geht weiter. Neue Alarmmeldungen überschlagen sich die nächsten Tage. Die Anspannung steigt. Der News-Ticker erliegt teilweise dem abartigen Zugriffswahn. Irgendwie pervers, wir verfolgen die News, wie wir normalerweise ein Sport-Endspiel verfolgen. Es ist mindestens auch so spannend. Mehrmals kommt der Aufruf der Polizei an die Agenturen, nicht sämtliche Bilder zu publizieren, denn was wir sehen, sehen auch die Verbrecher. Ihr Aufruf, so scheint es, wird von der Schaulustigkeit unserer Gesellschaft zertrampelt.

Eine gewisse Erleichterung geht durch Paris, als die Verbrecher zur Strecke gebracht werden. Und doch, gleich danach fragt man sich, war es das wirklich?

Man soll sich der Angst nicht ergeben, predigen sie alle. Natürlich nicht. Wir machen weiter, was wir sonst auch immer machen. Wir gehen am Samstagabend ins Kino. Während der Vorführung sehe ich im Augenwinkel Polizei durchs Kino laufen. Plötzlich wird der Film abgebrochen und Polizei stürmt in den Saal. “Bitte bleiben sie Ruhig!” heisst es. Eine Bombendrohung sei eingegangen und es werden sämtliche Vorführungen abgesagt. Es bestünde aber kein Grund zur Panik und so werden wir gebeten den Saal zu verlassen. Solche Vorfälle sind in Paris keine Seltenheit, aber Unter den gegebenen Umständen der entsprechenden Woche, kriege ich schon schwitzige Hände von der Aktion.
Draussen dann, eine Armada von Polizei. Und tatsächlich, auf dem nach Hause weg passiere ich andere Kinos, und allesamt sind sie weiträumig abgesperrt. Passiert ist aber glücklicherweise nichts.

Hat sich die Stadt verändert seither? In einem Belangen sicher, wo es vorher schon viel Polizei hatte, trifft man sie nun verdreifacht an. An jeder Ecke stehen sie parat. Andere Redaktionen, wie zum Beispiel jene von “Figaro” sind jetzt schwer bewacht. Ansonsten merkt man nicht viel, es brennen auch keine Kerzen mehr am Platz der Republik.
Am Marsch selbst war ich nicht. Zu tief steckten wir in den Vorbereitungen zu Dreharbeiten fürs nächste Projekt, und zu klein war die Lust sich in solch eine grosse Menschenmasse zu begehen. Und wer es noch nicht mitbekommen hat, all diese Spitzenpolitiker, die den Marsch angeblich angeführt haben, waren weder an der Spitze, noch auf der gleichen Strasse wie das normale Fussfolk.

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Und die grande Nation hat einen Tag mehr im Jahr, den sie bis in die Ewigkeit nicht vergessen werden.

Aber möchte ich den Blog nicht auf dieser negativen Note abschliessen, denn das Jahr hat eigentlich wirklich gut begonnen. Das Praktikum ist fantastisch, die Dreharbeiten für ein Kundenprojekt aufregend (später dann zu beidem mehr), zum Neujahr an der Seine mit Sicht auf Eifelturm, Arc de Triomphe und Notre Dame anzustossen ist auch nicht ohne, und unter der Kuppel des Grand Palais Schlittschuh zu laufen ist ebenfalls ganz spektakulär.

palais

Und überhaupt, die Aussicht von den französischen Alpen beim charmanten Chamonix, können also gut mit unserem Gebirge mithalten.

Chamonix

Frankreich also wie es einmal war und eigentlich schon fast wieder ist.

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