Oooooh, Beijing Guoan

marco · May 30, 2013 · Beijing · 0 comments

Ich musste also zuerst nach China kommen, um mein allererstes Live Fussballspiel miterleben zu dürfen. Gloubsch?
Und es sollte ein torreiches Spiel werden.

Gespielt haben die Lokalmatadore Beijing Guoan, gegen die Hass-Rivalen aus Tianjin. Austragungsort war das berühmt, berüchtigte “Workerstadium” im Herzen der Stadt.

Bereits auf dem Weg dorthin gehen mit mir zahlreiche, grün gekleidete Fans. Diese vermehren sich beim Näherkommen stets, bis ich mit meinem weissen T-Shirt der absolute Aussenseiter bin in der grünen Masse.
Kurzerhand kaufe ich mir auch eines dieser knallig, grünen T-Shirts, so bin ich wenigstens nur noch der Weisse im Gesicht.
Welches denn der Starspieler sei bei Beijing Guoan, frage ich den T-Shirt Verkäufer.
“Kanuta”, meint er freudig.
Klingt nur so halb chinesisch in meinen Ohren. Und als ich den Namen ausgeschrieben vor mir sehe, weiss ich auch warum. Der Spieler im Sturm mit der Nummer 11 ist Franzose und heisst “Kanouté”.
Die chinesischen Clubs müssen sich mit den ausrangierten Spielern, wie dem 36 jährigen Kanouté begnügen. Alles andere ist entweder zu teuer, oder der chinesische Fussball schlicht für Stars zu langweilig.
So packten auch die Spitzenspieler Anelka und Drogba noch vor Ablauf ihrer Verträge beim Shanghai Club Shenhua gleich wieder ihre Koffer.

Wie bei einem solchen Grossanlass in China üblich, ist das Sicherheitsaufgebot erheblich. Bevor die tausenden Zuschauer aufs Gelände gelassen werden, strömen hunderte Polizisten auf ihre Posten. Etwas weiter hinten mit Helm, Knebel und Schild ausgerüstet, in Reih und Glied postiert, wartet, ohne mit ihren Wimperm zu zucken, das gröbere Geschütz.

Guoan_Security

Es werden lange Stunden für sie, denn passieren wird genau nix. Ein Zusammenprall zwischen Fan-Gruppen gibt es hier nicht. Es reisen quasi keine Fans der Gäste an. Zu weit die Distanzen der Städte, zu teuer der Weg. Und finden doch ein paar gegnerische Mitfieberer den Weg ins Stadion, dann werden sie in ihre Ecke verbannt und von doppelt so vielen Polizisten umstellt.

Somit ist das Stadion gefüllt mit an die 50’000 grün eingekleideten Beijing Guoan Fans. Obwohl das Workerstadium in seiner ovalen Form absolut unvorteilhaft für ein Fussballspiel ist, kommt Stimmung auf. Auf die ehrenhafte chinesische Hymne, folgt der dröhnende Gesang der Fans zum Einmarsch ihrer Mannschaft:
“Ooooohhh, Beijing Guoan!”
Die Gegner handkehrum werden von Anfang an ausgepfiffen und beschimpft.

Das Spiel beginnt. Mir fehlt irgendwie der Kommentator.
In der ersten Hälfte befinden wir uns hinter gegnerischem Tor. Doch die Mannschaft aus Tianjin drückt und kommt zu einigen Chancen vor der Heim-Kiste. Diese Möglichkeiten werden vom Publikum lautstark ausgebuht.
Nicht nur das, fällt ein Spieler aus Beijing zu Boden, fängt das Gefluche an. Das Stadion schreit “Sha bi!”, was so viel heisst wie, bitte entschuldigt die vulgäre Ausdrucksweise der direkten Übersetzung: “dumme Fotze!”
Stellt euch mal vor, die gesamten Berner Schar würden das den Basler aufs Feld zu rufen!

Guoan_Fans

Gegenangriff. Die Beijinger preschen hervor, Flankenangriff und BÄM! Kopfballtor von Kanouté!
Das Stadion ist aus dem Häusschen. “Kanuta! Kanuta!”
Beim Pausenpfiff führen die Beijinger mit 1:0
Zwischenzeitlich werde ich als Beckham verwechselt und muss für ein paar Fotos hinhalten. Was ich in Europa als Kompliment hinnehmen würde, ist im asiatischen Raum wenig wert. Wie wir von den Chinesen denken, die sehen doch alle gleich aus, denken sie das selbe von uns. Ich glaube die würden noch Berlusconi mit Ronaldo verwechseln.

Das Spiel geht in die zweite Halbzeit, und die hat es mächtig in sich.
Tianjin schafft den Anschlusstreffer. 1:1.
Jetzt, es ist ja das erste mal, dass ich bei einem grossen Spiel Live Tore miterlebe, für mich also gewöhnungsbedürftig. Mir kommt alles langsam vor. Und trotzdem, hat man mal kurz weg geschaut, BÄM!, Tor passiert und vorbei. Keine Wiederholung. Keine Zeitlupe. Einfach vorbei.
Ich starre aufs Spielfeld, und versuche so wenig zu blinzeln wie möglich.

Hoppla, ein Beijinger segelt im Strafraum zu Boden. “SHA BI! SHA BI!”. Es gibt Penalty.
Kanuta versenkt seinen Pflaumenschuss. 2:1 für Beijing.

Beijing_Guoan

Die Schlussphase des Spiels ist angelaufen. Ich fange an mit den Gegnern aus Tianjin zu sympathisieren. Sie tun mir leid. Sie werden hier nur zusammen geschissen. Und ihr einziges Tor bisher, das wurde gerade mal von den Ersatzspielern gefeiert. Alle anderen blieben mucksmäuschenstill still. Wirklich. Nicht einmal “Oh neeeein!” oder so was. Einfach keine Reaktion. Mein Kollege mahnt mich, ich soll mich zusammen nehmen und nicht für Tianjin jubeln, sonst bekämen wir noch Probleme.

Der Torwart von Beijing macht eine glanzvolle Parade, prallt jedoch hart auf den Boden. Die Medics kommen angerannt. Von oben sieht es aus, als würden sie ihn wiederbeleben. Gut, er steht wieder. Wenn auch etwas wacklig.
Die Tianjiner nützen das aus und hauen den Ball kurz vor Schluss ebenfalls noch ein zweites Mal ins Netz.
2:2.
Niemand applaudiert. Niemand schreit. Keine Emotionen. Nur die Mannschaft jubelt und ein paar Beijinger pfeifen sie für ihr Freudengetummel aus. “SHA Bi!” Ich bin innerlich auch am jubeln, nehme mich aber zusammen.
Die ersten Zuschauer verlassen bereits das Stadion.

Der Schlusspfiff. Für mich endet das erste Live-Fussballspiel in einem Unentschieden. Ein gerechtes Resultat. Die Tianjiner haben sich gut gehalten gegen die überlegene Mannschaft aus Beijing.

Die grüne Masse von 50’000 Köpfen zerstreut sich langsam wieder in den 20 Millionen der Stadt. Und nur gerade einer davon, der mit der weissen Birne, scheint wirklich zufrieden mit dem Spiel.

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