Mein Nachbar, der Premier

marco · May 09, 2013 · Beijing · 0 comments

Nicht zur Feier des Tages, aber zum Feiertag, gleich zwei neue Blogs, gloubsch?!

Heute habe ich von einem Kollegen ein Auto ausgeliehen.
Dieses Auto trägt keine Plakette von Beijing, sondern eine aus Shandong. Fragt mich nicht warum. Das jedoch bedingt, dass man mit diesem Auto zu gewissen Zeiten auf Beijinger Strassen nicht fahren darf. So eben genau dann, wann ich damit fahren will.
Ich denke mir, halb so wild, von der Botschaft nach Hause zum Kempinski ist es nur gerade ein vergrösserter Katzensprung und werde jetzt wohl unterwegs keine Polizei antreffen. Ich setze mich hinters Steuer und fahre los.
An der grossen Kreuzung zu meinem Zuhause springt die Ampel auf Rot, als ich passieren will. Ich bin prominent an zweit vorderster Stelle. Und da sehe ich es:
Die Kreuzung ist bumsvoll Polizei!
Ein Verkehrsregler fuchtelt wild umher vor uns, er scheint die Lage nicht recht im Griff zu haben. Aber welche Lage denn überhaupt? Ich krieg langsam schweissige Hände und fahre etwas näher an das Auto vor mir auf, um meine Plakette zu verstecken.
Ich sehe mein Zuhause vor meiner Windschutzscheibe. Ein paar hundert Meter weiter und ich hätte es geschafft. Aber nein, die Ampel bleibt rot, ewig, und die Polizei vermehrt sich. Ich realisiere langsam, wie sie die Strasse zum Kempinski sperren. Autos, die da durch wollen, werden vom Verkehrsregler vor mir eiskalt aufgefordert um zu drehen.
Scheisse, ich bin in der Falle. Jetzt haben sie mich.
Und dann kommen sie. Zuerst etliche Polizeiwagen, die Warnblinker geschaltet. Gefolgt von zig Bentleys mit schwarz getönten Scheiben. Die israelische Fahne vorne gesteckt.
Ich fange an zu begreifen. Staatsbesuch aus Israel. Richtig, der Netanyahu ist in China.
Aber dass sich der gerade das Kempinski aussuchen muss, um zu residieren. Vor allem noch genau dann, wo ich auf Beijinger Strassen illegaler weise mit einem Auto aus Shangdong unterwegs bin!
Die unzähligen Polizisten haben jedoch nur Augen und Ohren für ihre Kommandos. Sie lassen mich passieren und kümmern sich kaum.
Zum Spass laufe ich später noch durchs Kempinski. An jedem Eingang werde ich von Kopf bis Fuss gescannt. Bei allen Durchgängen steht ein Körperdurchleuchter wie am Flughafen. An jeder Ecke ein Brocken von einem Mann mit Sonnenbrille und Knopf im Ohr. Sicherheitsstufe eins.
Heute kann ich sagen, ja, der Netanyahu ist mein Nachbar. Er fährt Bentley und ich Volkswagen.

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