Ladies and announcements

marco · September 04, 2012 · Chineese Culture, Travel · 0 comments

Das Signal zum Start erklingt. Die Flugbegleiterin versucht uns daran zu erinnern uns anzuschnallen, wird aber vom Turbinenlärm übertönt. Der Pilot gibt Vollgas. Der Film über die Sicherheitsvorschriften wird abgebrochen, und die Bildschirme versenken sich zeitgleich in der Decke, wie der Flieger abhebt.
Manchmal geht es schnell mit der Inlandflügen-Fliegerei in China. Aber meistens eigentlich nicht.

Wie so oft diese Tage bin ich fürs Wochenende unterwegs nach Shanghai. Ein Tapetenwechsel der anderen Art. Ich kann mich allerdings nicht mehr daran erinnern, wann zum letzten Mal ein Flieger pünktlich abgehoben ist. Anfangs erkundigte ich mich am Schalter noch, ob der Flug pünktlich sei. Die Palette an Fantasieantworten dabei jedoch beachtlich und an Akkurarität derart gleich Null, dass ich mir die Mühe nicht mehr mache.
Sagen zum Beispiel die Schaltermenschen von sich aus nichts, dann ist der Flieger ziemlich sicher verspätet.
Lautet die Antwort auf meine Frage, ob der Flieger pünktlich sei „ja“, ist er mit aller höchster Wahrscheinlichkeit verspätet.
Geben die Angestellten von Anfang an zu, dass der Flieger verspätet ist, dann hat man die prognostizierte Verspätung auf jeden Fall noch zu verdoppeln.
Und meine Lieblingsantwort ist die absolut typischste, chinesische Antwort die man in China kriegen kann. Die Chinesen, erpicht darauf niemals ihr Gesicht zu verlieren, kommen mit ausserordentlich unpräzisen Antworten, die keine sind und nichts ausschliessen lassen, auf einem zu. Ganz effizient nutzen sie dafür das Wort „vielleicht“.
Ich frage also: „is the flight on time?“ und kriege die Antwort „Maybe yes!“, was soviel heisst wie: „ganz sicher nicht!“

Der Flieger hat seine Flughöhe erreicht und die Bildschirme kommen wieder aus der Decke. Der Sicherheits-Film wird vollendet. Das in etwa gleich Paradox, wie ein Flieger mit geschlossenen Türen als abgeflogen gilt. Somit vermeidet die Gesellschaft Reklamationen über die stetigen Verspätungen. Türe zu, Flieger gilt rechtlich als abgeflogen, auch wenn der noch eine Stunde an Ort und Stelle parkiert bleibt.
Im Flug wird Essen serviert. Essen, dass oft nicht jedermanns Geschmack trifft. Dankend lehne ich ab. Der Typ neben mir schaut mich an, als hätte ich gerade 1 Million Schweizer Franken abgelehnt.

Eine Ansage zur Landevorbereitung ertönt. Die chinesische scheint dreimal länger zu sein, als die englische. Wenn es denn englisch ist, denn ich verstehe kein Wort.
Kaum setzt der Flieger auf (meist sauber, Hut ab vor den Piloten), und ich meine wirklich, er hat gerade eben erst den Boden berührt, das Bugrad schwebt noch in der Luft, hört man bereits das erste Telefon klingeln. Wieder eine Ansage, und diesmal verstehe ich zumindest den Anfang: „Ladies and announcements…“, und was ist aus den Gentlemen geworden? Vielleicht lassen sie das Wort bewusst weg, Gentlemen hat es nämlich keine an Bord. Kaum steht der Flieger still, egal ob noch auf dem Rollfeld, oder tatsächlich parkiert, springen die Leute auf, wie Sprinter zu einem Startschuss. Das übliche Bild von Chinas Strassen ist das Resultat im Korridor; Stau!

Glücklicherweise ist es bei den Internationalen Flügen etwas besser.
„Ladies and annoucements, we would like to gentlemen the arrival of: Remo Tschuy”
Neuer Staatsbesuch ist eingetroffen. Meine Brüderlichkeit Remo beehrt uns wieder in China. Angefangen in Shanghai, hat er den fürs beste Wetter bekannte Monat September auch demnach eingeläutet. Die Temperaturen perfekt für Terrassenaufenthalt bei sonnigem Wetter.
Shanghai ist hoch gebaut und so muss man hoch hinaus um die urbane Zukunftsmusik überblicken zu können. Der 100. Stock des Flaschenöffners dafür gut genug und auf dem 60. Stock reicht es für ein Apéro. Die Flair Bar passt dabei, wie die Limette ins Corona.

Bitte beachtet, das Foto entstand vor dem Apéro. Missliche Koordination und unhandliche Polaroid-Kamera also der Grund für die äusserst knappe Verfehlung der Zentrierung.

„Ladies and annoucements, our flight will be delayed due to air traffic control…”, eine ebenfalls oft verwendete Entschuldigung für Verspätungen. Die habe ich zu ertragen auf dem letzten Flug des Abends von Shanghai zurück nach Beijing. Noch nie hatte ich einen Sitz in einer tieferen Reihe als die 55. Dabei bin ich nicht der einzige Weisse, der jeweils in die hinteren Reihen verbannt wird. Die Chinesen reservieren ihre Sitzeplätze alle im voraus.
Durch den Tag geht jede Stunde ein Flug von Shanghai nach Beijing. Dafür verwendet werden grosse Langstreckenflieger. Meist sind sie bis auf den hintersten und letzten Platz besetzt. Meine Knienscheiben reiben sich am Sitz vor mir. Hinten wird der Flieger dünner und der Platz für die Passagiere weniger.

Aber irgendwie ist es ja auch amüsant und für einen Tapetenwechsel dieser Art nimmt man viel in Kauf:

„Ladies and announcements…“, keine Ahnung was sie sagt, aber bald schon heben wir ab.

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