Konsultieren, assistieren und adaptieren

marco · June 26, 2014 · Film, Paris · 0 comments

Plötzlich rattert und pfeift die Kamera und dann wird es gespenstisch still auf dem Set. Es ist klar, da ist was schief gelaufen. Der Blick des Kameramannes ist besorgniserregend. Der Regisseur verliert seine Farbe, und fängt an zu schwitzen.

35mm

Es ist ein spezielles Set, denn der Film den wir drehen, drehen wir nicht digital, sondern auf dem immer seltener gesehenen Medium Film. 35mm soll es sein. Alte Schule. Die Kamera so alt wie ich. Ein Prachtstück, dass als unzerstörbar gilt. Die Stimmung auf dem Set: konzentriert und fokussiert. Für jede Szene haben wir nur etwa einen Versuch, den der Vorrat an Film ist abgezählt. Die Schauspieler dürfen sich nicht verplappern, eine unscharfes Bild auf Grund eines misslungenen Fokus wäre verheerend, ein Fehler in der Kontinuität unverzeihbar. Und das ist mein Job hier. Ich bin der sogenannte „Script Consultant“. Meine Verantwortung liegt darin, sicher zu stellen, dass der Film zusammen geschnitten werden kann, dass die vorangegangene Szene auf die nächste passt, dass beim Schauspieler von der ersten bis zur letzten Szene gleich viele Hemdknöpfe zu sind.
Eine etwas unterschätze Position, gerade speziell wenn wir auf Film drehen. Für jede Szene muss ich haargenau die Zeit nehmen, denn das Museumsstück von einer Kamera kündigt nicht an, wie viel Film zur Aufnahme noch zur Verfügung steht. Gleichzeitig muss ich darauf achten, ob die Dialoge stimmen, ob das Licht passt und nicht etwa noch das lange Mikrofon ins Bild hängt. Es kommt mir vor wie die ersten Stunden im Auto. Da gibt es schlicht zu viele Dinge auf einmal zu tun.

Und dann passiert es, der Unfall. Die Filmkamera erleidet einen Kurzschluss und fängt an aus allen Löchern zu pfeifen. Sogleich ist klar, da ist was nicht gut. Gar nicht gut. Das Kamerateam steht ratlos um den Patienten. Die Meinung aller Fachleute wird per Telefon hinzugezogen. Nach etwa einer Stunde der Hilflosigkeit ist klar, da ist nichts mehr zu machen. Die Kamera ist futsch und muss in die Reparatur. Es kommt erschwerend dazu, es ist das Auffahrtswochenende und alle, die Hilfe leisten könnten, ausgeflogen.

Es muss eine andere Lösung gefunden werden. Und zwar schnell. Und das ist nur so ein Musterbeispiel davon, wie es beim Film manchmal gehen kann. Anpassungen in letzter Minute sind Gang und Gäbe, diese Erfahrung musste ich ja selbst auch schon machen. Diese Situation allerdings ein anderes Kaliber. Die Stimmung auf dem Set ist zwar kurzweilig getrübt, jedoch ruhig. Keiner schreit, niemand beschuldigt den anderen. Das etwas, dass mich auf allen Sets bisher fasziniert hat. Filme machen ist ein Team-Sport. Und dieser Teamgeist zieht sich durchs ganze Band durch. Jeder gibt sein Bestes und drückt das Projekt vorwärts.

Die Lösung schlussendlich ist eine andere Kamera. Nicht mehr Film, sondern halt wieder Digital. Schade für das Projekt, denn es war vor allem speziell deswegen. Aber es gilt in erster Linie den Film fertig zu machen. Die einzigen, die irgendwie erleichtert sind: die Schauspieler, sie haben wieder mehr als nur eine Chance ihre Performance abzuliefern.

Ein paar Wochen später bin ich froh darum nicht auf Film zu drehen. Denn ich schlüpfe in die Rolle des ersten Assistenten des Regisseurs. In meinem Fall ist es gar eine Regisseurin aus den Philippinen, Marga. Ich trage die Verantwortung des Sets. Die Planung und das Management davon sind meine Ämtchen. Bei 20 Mithelfern ist das nicht ohne, und bei den Ansprüchen der Regisseurin schon gar nicht.

Schienen

Nur so zur Erklärung: uns hat man empfohlen nicht mehr als 8 bis 9 verschiedene Kameraeinstellungen, also Shots, pro Tag zu haben. Für mein Projekt hatte ich deren 10 auf nur gerade einer einzigen Umgebung. Marga wollte zu Beginn 20 verschieden Shots auf 3 verschiede Locations!
Ein Ding der Unmöglichkeit für so unerfahrene Sprösslinge wie wir. Dank einer elaborierten Planung hat Marga das auch schnell mal eingesehen. Doch es blieb bei einem Durchschnitt von 12 Shots pro Tag.

Die Herausforderung also vorprogrammiert. Und nicht nur das, einige der Aufnahmen sollen Draussen stattfinden. Das Wetter könnte also eine Rolle spielen. Tatsächlich tut es das auch, wenn aber anders als erwartet. Für einmal regnet es nicht in Paris. Wir müssen also nicht mit Regenschirmen versuchen, das Material vor der Nässe zu schützen. Jedoch um 3 Uhr Nachmittags taucht hinter den Dächern ein anderes Problem auf. Die Sonne.
Da wo wir drehen weicht der Schatten zusehends dem Licht. Das wiederum ein Problem für die Kontinuität. Denn, wenn im Schnitt vorher Schatten war, wie schräg wäre es, wenn im nächsten plötzlich die Sonne scheint? Für einen Moment gehen wir auf ein Spiel abwechselnd zwischen Sonne und Wolken ein. Wenn auch immer das Licht der Sonne hinter einer Wolke verschwindet, drehen wir. Es funktioniert aber eher schlecht, als recht. So stellen wir kurzerhand ein etwa 5 Meter hohes Segel aus einem Tuch auf, das genügend Schatten liefern soll.

segel

Die Professorin, die uns hier ganz genau auf die Finger schaut, ist wenig angetan von dieser Aktion. Schlussendlich zählt aber das Resultat und das ist im Kasten. Am nächsten Tag planen wir die Szenen entsprechend nach der Sonnenuhr.

Tag 1 und 2 gehen gut über die Bühne. Keine grossen Verspätungen, keine nennenswerte Komplikationen auf dem Trottoir, nicht mal da wo wir Schienen verlegen. Und die Regisseurin ist zufrieden, somit sind wir es alle.

Dann kommt aber Tag 3. Der fängt schon wenig hoffnungsvoll an. Auf dem Parkplatz, wo wir drehen möchten, schneiden sie die Bäume im grossen Stil. Mit Traktoren marschieren sie auf und eine Armada an Gärtnern hängt in den Bäumen. Das Trottoir ist gänzlich abgesperrt. Wunderbar.
Kurzerhand passen wir unseren Drehplan an und fangen mit den Szenen an, die in der Wohnung abgedreht werden müssen. Marga besteht darauf, dass die Schuhe ausgezogen werden. Da fliegt das zweite Unvorhergesehene direkt in die Nase. Stinkefüsse vom brutalsten. Es stinkt bestialisch. Die Crew kann noch gerade damit umgehen, aber die Schauspieler, die irgendwie Emotionen vor die Kamera legen müssen, verzehren die Gesichter, als hätten sie in eine Zitrone gebissen. Der Geruch wird mit teurem Pariser Parfum beseitigt.

Der Appetit ist der Crew dadurch aber nicht vergangen. Die Schar frisst wie Tiere, die ums überleben kämpfen. Marga hat auch beim Catering nicht gespart. Was aufgetischt wird, kommt gut und schnell im Magen an. Dadurch geht aber wertvolle Zeit verloren. Nicht, dass ich die Crew nicht essen lassen möchte, trotzdem sollte das aber nicht gerade Stunden dauern. Bereits am Mittag sind wir mehrere Stunden hinter unserer Planung.

Und dann folgt das „Grande Finale“. Der sogenannte „Money-Shot“. DIE Szene des Films. Und an dieser beissen wir uns die Zähne aus. Allem voran ich, der irgendwie versucht, die Zeit wieder aufzuholen.
Die Szene beinhaltet einen Spiegel und viel Rauch, der aus einer Maschine kommt. Die beiden Schauspieler müssen zu einer gewissen Musik im Spiegel eine Choreographie abhalten. Um das ganze etwas traumreicher zu gestalten, steigt irgendeinmal darin Rauch auf. Doch die Rauchmaschine will nicht unbedingt so, wie es die Person möchte, die sie bedient. Einmal kommt zu viel Rauch, dass die Schauspielerin fast erstickt, einmal gar kein Rauch, dass der Effekt völlig ausbleibt. Dazu kommt die Regisseurin, die vor dem Monitor wild ihre Anweisungen brüllt in einem Akzent, der das englische Wort für Rauch, „Fog“, ganz nach etwas anderem erklingen lässt.
„Why is the Fag-Machine not working?!“ Und dann wenn sie endlich funktioniert: „More Fag! FAG FAG FAG!“
Eine ziemliches Tohuwabohu. Mit einer Verspätung von mehreren Stunden kriegen wir aber auch diese Szene noch hin. Der Tag endet irgendeinmal kurz vor Mitternacht.

Es sind lange Tage, diese Drehtage. Als erster Assistent fühlte ich mich manchmal, wie ich mir vorstelle, dass sich ein Lehrer fühlen muss, der mit seiner Schulklasse pubertierender Kinder in ein Lager geht. Diese Schar im Griff zu haben ist kein leichtes Unterfangen. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass der erste Assistent einen tafferen Job hat, als der Regisseur selbst.
Ich würde es aber wieder machen, denn das Lächeln des Regisseurs zu sehen, wenn seine Vision Wirklichkeit wird, stellt alle verbrauchten Nerven wieder her.

Apropos Nerven, zwischen Kamera und Schneideraum haben wir noch Geburtstag gefeiert. Auf dem Hügel fand es statt und die ominös, famose Band “s!Närvt” hat ebenfalls noch ein Ständchen gehalten.

sNärvt

Und schon bald geht es auf ans nächste Set, wiederum in einer anderen Position und neuen Perspektiven.

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