Im Kasten hoch zwei

marco · June 09, 2015 · Film, Paris · 0 comments

Nun denn, nach all dem Stuss, jetzt zurück zum eigentlichen Thema: Filmemachen. Da ist nämlich viel gegangen in den letzten Monaten.

Während Paris in einem terroristischen Feuerwerk aufging, hatte ich die Ehre bei Gaumont Animation als Schreiberlehrling über die Schulter der professionellen Drehbuchautoren zu gucken. Die Shows orientieren sich an Jungs im wilden Alter. “Atomic Puppet”, ein Junge der mit seiner Marionette am Arm zum Superhelden mutiert, und “Furry Wheels”, ein Faultier, dass vor allem eins kann, in seiner Heimatstadt “Wheelopolis” aufs Gaspedal drücken. Der Produzent beider Shows: niemand geringeres als Disney.

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Ich finde mich in einem dieser berüchtigten “Writers rooms” wieder und habe zu Beginn vor allem die Aufgabe alles was gehirnstürmt wird, irgendwie festzuhalten. Das kann ganz schön stressig sein, vor allem wenn die Truppe in fahrt kommt und ein Gag nach dem anderen heraussprudelt. Nachdem ich die erste Scheue überwunden habe, kriege auch ich die Gelegenheit, meine Ideen einfliessen zu lassen. Was für ein Höhengefühl, wenn dann die eigenen Inspirationen auch tatsächlich im Final Script enden. Noch höher die Emotionen, wenn die ersten Ideen im Storyboard zum Leben erwachen. Am liebsten möchte man herausschreien: “Das war meine Idee!”

Interessant ist es, hinter die Kulissen zu sehen und zu realisieren, was für eine enorme Arbeit hinter jeder Episode steckt. Und wir sprechen hier von lediglich 12 Minuten pro Folge. Von der ersten Idee, hin bis zur Ausstrahlung im TV, können da locker 2 Jahre verstreichen. Und es ist ein knallhartes Geschäft.

Als erstes müssen Ideen her. Ein Raum voller angehender und eingesessener Autoren pitchen ihre Geschichten. Der Produzent oben am Tisch zeigt wie Caesar bei den Gladiatorenspiele, je nach gefallen dann entweder seinen Daumen nach oben, oder vernichtend nach unten. Der Pitch muss sitzen, kurz und bündig. Etwas, womit sich gerade die Franzosen noch schwer tun. Die Ruhen sich weiterhin auf dem bisher herrschenden System vom “Droit d’auteur” aus, wobei der Drehbuchautor volles Sagen genossen hat. Jetzt, mit den Anglophonen, die halt schlicht am meisten Erfolg mit ihren Serien bekunden können, weht aber ein anderer Wind. Da haut keiner mehr im Alleingang eine Story aus den Tasten. Da ist alles Teamwork und der Produzent gibt den Tarif durch. Im besten Fall ist der Erfinder der Serie auch noch gleich Produzent, dann wird es richtig interessant. Und das System funktioniert. Es ist so logisch wie ein EinmalEins: mehrere Köpfe zusammen kommen mit was viel fantastischerem heraus, als ein einziger Firlefanz. Dies mitunter auch der Grund, warum momentan schlicht Fernsehserien um Klassen besser sind, als jeder noch so gute Film.
Trotzdem, sogar wenn man mit einer Idee auf Festland gestossen ist, noch dann kann kurz bevor man die Fahne gesteckt hat und womöglich bereits ein Storyboard besteht, plötzlich Caesar den Daumen umdrehen und eine Episode spühlen. Dann wären Monate an Arbeit für nix gewesen. Der Albtraum jedes Autors. Und doch hat jeder im Raum so eine Geschichte bereist miterlebt.

Mit uns sind die Frauen und Herren Disney jedoch gut gesinnt. Ich stosse hinzu, wo die Projekte in ihre Endphase gehen und fast alle Episoden werden angenommen. Fast. Eine Episode, ausgerechnet eine unserer Lieblingsepisoden, wird kurz vor Ende noch brutal verschlimmbessert von irgendeinem Zwischenproduzenten. Und plötzlich ist Diplomatie gefragt. Eine Krisensitzung wird eingerufen und ich fühle mich zurück an meine Botschaftszeit erinnert. Es scheint, als wäre es doch nicht nur eine Bundeskrankheit, dass es manchmal sehr harzig voran geht mit Projekten.

Am Ende können wir den Abschluss der ersten Staffel feiern. Ich kriege die Gelegenheit, mit den Animatoren zu plaudern. Mein Bubentraum war es, einmal für Disney zu zeichnen. Stellt sich heraus, dass es ganz ein brutales Metier ist. Viele Arbeitsstunden, kaum Aufstiegsmöglichkeiten. Diese Künstler sind die Ruderer im Boot, und Caesar gibt einen zackigen Tackt an. Talent alleine führt nirgendwo mehr hin, da braucht es vor allem Durchhaltevermögen. Vielleicht doch nicht so schlecht, dass ich bis heute noch wie ein Erstklässler zeichne.

Zeitgleich zu meiner Zeit als Schreiberling, gewinne ich einen Wettbewerb innerhalb der Schule und ein Klient wählt meine Idee für sein Projekt aus. Die Firma, für die wir den Film machen, sagt der perspektivenlosen Jugend den Kampf an. Sie will den angehenden Arbeitnehmern vorzeigen, was es alles für Möglichkeiten auf dem Markt gibt für ihre Zukunft. Gleichzeitig wollen sie Partner für Kooperation und Finanzierung finden. Ein Anspruchsvolles Projekt mit vielen verschiedenen Drehorten und zahlreichen Schauspieler, die meisten davon Kinder. Ich mache den Spagat zwischen Drehbüchern bei Gaumont und Filmsets von der Schule. Unsere Produzentin ist die Frau von Gérard Pirés, dem Regisseur von “Taxi”.

Eines unserer Sets ist dann auch in einem Helikopterhangar und wir dürfen am Helikopter von Herr Regisseur Pirés herumhantieren. Er besucht darauf auch das Set, was demnach eine gewisse Nervosität hervorruft. Glücklicherweise hält er sich zurück. Nur wo es um die Diskussion geht, was denn der Protagonist für Schuhe tragen soll, flüstert er mir ins Ohr: Scheiss auf die Schuhe, ihr macht ja keine Schuhwerbung. Ich erschrecke dabei vor allem ab seiner Stimme. Der Meisterregisseur redet in solch hoher Stimme, als hätte er gerade eins zwischen die Beine gekriegt. Stellt sich heraus, dass er vor Jahren einen Motorradunfall hatte, und er seither nicht ohne so ein komisches Maschinchen reden kann. Vielleicht hat er sich deswegen auf dem Set zurückgehalten, weil in wahrscheinlich sowieso niemand hören würde.

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Regie bei Kindern zu führen, ist auch nicht ganz ohne. Denen kann man nicht einfach sagen: Sei traurig, jetzt! (Mit richtigen Schauspieler sollte man übrigens auch nicht so reden, da gibt es ein ganz spezifisches Vokabular. Keine Adjektive, nur Ziele und aktive Wörter. Also nicht: in love; sondern: to kiss!) Zum Glück ist der Film aber ohne Ton am Set, was mir erlaubt, während den Takes einfach auf die Kinder einzubrabeln. Das klingt dann etwa so: “Du hast einen Berg Hausaufgaben vor dir und KEINE AHNUNG, wie du das alles je erledigen sollst.” Oder “Schoko, alles was du jetzt noch willst ist: Schoko.”

Nach dem Dreh ist dann jeweils vor dem Schneiden. Das Filmchen auf eine angenehme Zeit zu trimmen, ist somit auch gleich die nächste Herausforderung, schliesslich sollte sich während dem Film niemand so langweilen müssen, dass er während dem Schauen auch noch Zeit hat den Menu-Plan für den Abend auszutüfteln.

Schlussendlich haben wir es geschafft und der Klient, wie auch der Gérard, sind alle très heureux. Hier, das Resultat:

Piece by Piece (Crée ton Avenir) from Marco Tschuy on Vimeo.

Mein Abschlussfilm ist übrigens auch schon im Kasten. Geht um einen Typen, der an einem Ohrenwurm leidet und langsam aber sicher davon wahnsinnig wird. Eine Komödie, und die sind ja angeblich die Schwierigsten zu machen.
Hier schon mal ein kleiner Vorgeschmack:

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