Gepustete Luftblasen unter Palau

marco · April 15, 2013 · Travel · 0 comments

Ding ding ding
Der Divemaster hämmert mit seinem Metalstab gegen seinen Tank. Das Zeichen, dass sich etwas aussergewöhnliches in unmittelbarer Nähe befindet.
Und warhaftig, ober uns im Gegenlicht der Sonne zeichnen sich die grossen, geschmeidigen Silhouetten zweier der graziösesten Geschöpfe ab.

Wir sind draussen im Pazifik, nähe Koror in der Republik Palau. Zur sich weit hinstreckenden Inselgruppe gehört auch das zur Zeit besser bekannte Guam. Nur wenige Fluggesellschaften bringen einem hierher. Bei uns ging es per eleganter Korean Air über Seoul hinaus aufs Meer.
Buse, geschweige denn was auf Schienen, sucht man in Palau am Flughafen vergebens. Taxi ist hier das öffentliche Verkehrsmittel. Und das muss im vornerein bestellt sein, sonst steht man spät Nachst alleine am Flughafen.
Und sie fahren lustig. Steuer rechts, genau gleich wie die Strassenseite. Die spinnen die Paulaner.
Unser Hotel war so frei und hat uns einen Abholdienst organisiert. Für uns zwei kleine Schweizer kommen sie mit einem Ford Club Waggon XXXXL. Der ist, so könnte man vermuten, in seiner Grösse an die mehrheitlich Amerikanischen Touristen angepasst.
Der amerikanische Einfuss ist auf den Strassen unverkennbar. Strip-malls ziehen an uns vorbei. Nach einem kleinen, funktionalen Auto hält man vergebens ausschau. Alles Staatskarosen.
Size does matter.

Vorteile bringt dieser westliche Einfluss alleweil. Die Notrufnummer scheint jedenfalls zu funktionieren. Am Strand erleben wir, wie jemand aus dem Wasser geschleipft, mit Herzmassage wiederanimiert, und professionell und schnell abtransportiert wird. Nicht selbstverständlich für so einen kleinen Inselstaat.

Alles andere als klein präsentiert sich unser Tauchboot. Die ‘Palau Aggressor II’ soll uns eine Woche lang eine Tauchsafari bescheren. Und beschert wird mächtig.
‘Eat, sleep and dive’ das Motto auf dem Boot. Wir machen 7 Tage lang nicht viel anderes.

Dong Dong Dong
Erklingt die massive Glocke in der Früh.
Für Ferien werden wir zu unmenschlich früher Stunde aus den Federn gerissen. Doch es lohnt sich. Das Tauchen in den Gewässern von Palau entpuppt sich als aller erste Sahne.
Mit ‘Lets blow some bubbles’ werden wir nach dem jeweiligen Briefing ins Wasser geschickt.

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Kaum hinein geplumpst, befindet man sich in abertausenden Fischen von allen Farben und Grössen. Die Napoleons Fische schwimmen so nahe vorbei, dass man sie streicheln kann. Wie eine Katze kommen sie immer wieder zurück für mehr Schmaus und man muss zeitweise fast befürchten, die dicken Lippen, das Merkmal des Napoleonsfisch, aufgedrückt zu bekommen.

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Mehrmals begegnen wir den Rochen mit der markanten Clownnase, den Adlerrochen. Einem schwimmen wir in seine geplante Route hinein, so dass er unter unsere Flossen hindurch flüchten muss. Wie ein Jet flitzt er vorbei und sticht von 25 Metern Tiefe im Steigflug hinauf und hinaus in die Weite des Ozeans. Vor allem die Geschwindigkeit mit einem Minimum an Bewegung ist dabei äusserst imposant.

Nebst den vielen Fischen trumpft Palau ebenfalls mit seinen “Blue Holes” auf. Das sind Löcher, die wie in das Korallenriff hinein gesprengt, sich einem eröffnen. Wir tauchen ab, bis auf 30 Meter und bestaunen das Lichterspiel der Sonnenstrahlen.
Nebst den blauen Löchern erkunden wir auch Höhlen, wo wir in den entstandenen Luftkammern unter Stalagmiten auftauchen.

Nur wenige Tauchgänge werden ohne Riffhaken unternommen. Ja Palau ist nicht nur bekannt für seine lebhafte Unterwasserwelt, sonder auch für seine reizenden und reissenden Strömungen. Doch wo es Strömung hat, hat es eben auch Viecher. Grosse Viecher.
Am Pelilu Corner haken wir ein und seit her weiss ich, wie es sich in einem Windkanal, wo Flugzeugtriebwerke getestet werden, anfühlen muss. Es reisst einem beinahe das Atmungsstück aus dem Mund. Wagt man den Blick nach oben, läuft man Gefahr die Maske vom Gesicht gerissen zu kriegen und allesamt kriegen wir einen neuen Haarstil verpasst: alles allglatt nach hinten geklekert.
Währenddem uns die Luftblasen anstelle von aufwärts, horizontal aus dem Mund strömen und wir wie Fahnen im Sturm in unseren Seilen hangen, kriegen wir aber auch was zu Gesicht.
Haie!
Haie so weit der Ozean reicht!

Palau ist weltweit das erste Hai-Schutzgebiet. Und das merkt man. Es hat nicht nur unglaublich viele, sondern die, die es hat, sind überhaupt nicht scheu. Der Mensch ist in diesen Gewässern noch nicht als Gefahr bekannt. So kommt es, dass die bulligen, grauen Riffhaie zum greifen Nahe an einem vorbei ziehen und uns mit ihren stechenden Augen haargenau ausmustern.
Die Haie sind derart zugänglich, dass wir sie gar von unserem Schiff aus beobachten können. Zahlreiche schwarzspitz Haie kreisen um uns, als stünde schon ein Verräter auf der Pritsche, um ihnen zum Frass vorgeworfen zu werden. Vor noch nicht all zu langer Zeit, wären die Gäste bei diesem Anblick wohl in Panik geraten. Heutzutage können wir es kaum erwarten, in das belebte Wasser zu hüpfen.

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Irgenwie scheint einfach alles im Wasser von Palau etwas näher an einem herankommen zu wollen.
So eben auch das Geschöpf am künstlich angelegten ‘German Channel’, das uns mit einem eifrigen Ding Ding Ding des Divemasters angekündigt wird.
Ein Manta Päärchen kurvt über uns.
Diese Chance lassen wir uns nicht entgehen und tauchen auf die gleiche Höhe auf. Die Strömung zieht hier wie die Aare bei Hochwasser. Ich paddle was das Zeug hält, um die Mantas aus nächster Nähe zu erhaschen. Langsam erscheinen sie vor mir. Die Münder speerangelweit geöffnet, sie sind hungrig und am Plankton reinmähen. Sie kommen näher und näher. Wie enorm grosse Vögel bewegen sie sich mit ihren Flügelschlägen im Wasser vorwärts. Unglaublich elegant.

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Sie fliegen voll auf mich zu. Ich bin erstarrt, wage mich nicht zu bewegen. Die Mantas weichen auch nicht und ziehen ganz knapp neben mir vorbei. Eine fingerlänge von mir entfernt. Ein Beinahezusammenstoss. Wahnsinn!
Hätte ich meine Kamera in dem Moment fallengelassen, wäre sie womöglich gleich in den offenen Mund des Mantas gefallen.

Mit einem abartigen Tauchgang nach dem anderen zieht die Woche so schnell wie die Haie an uns vorbei.
Einer der spektakuläreren kommt zum Schluss. Der “Oolong Channel”.
Ein Tauchgang bestehend aus drei Teilen. Zuerst eine von Korallen überwachsene Steilwand, dann einhaken, um mit den Haien in der Strömung zu hangen, um sich schlussendlich von der Strömung durch den Oolong Kanal mitreissen zu lassen. Ohne einen Paddelschlag zieht auf diese Weise die unglaubliche Variation des Meeres an uns vorbei, alles was man machen muss ist geniessen und die Flut an Impressionen einatmen.

Als Abschlusstour der fantastischen Woche, trekken wir durch den Dschungel, um zu einem See zu gelangen, der bereits Teil der BBC Doku ‘Massenmigrationen’ wurde. Es ist ein vom Meer abgekapselter Salzsee, wo sich Millionen von schlabrigen Viechern eingenistet haben. Wir schnallen Brille, Schnorkel und Flossen und springen hinein in ein Tümpel voller Quallen.
Hinein in den ‘Jelly-fish-lake’.
Diese haben in dieser Nische im Dschungel einen Ort gefunden, wo sie quasi keine natürlichen Feinde mehr haben (ausser vielleicht 500 japanische Touristen). Alles was sie den lieben langen Tag machen, ist dem Sonnenlicht hinterher rennen, welches ihnen die Nährstoffe zum überleben liefert.
Wir springen in den See und sehen vorerst einmal nichts. Wir machen es den Quallen gleich und schwimmen Richtung Sonne. Vereinzelt erscheinen ein paar dieser schwabbligen Gestalten und wir zeigen noch etwas Berührungsängste. Nur wenige Meter weiter müssen diese Ängste abgelegt werden. Aus ein paar einzelnen werden plötzlich Millionen und wenn wir uns noch bewegen wollen, bleibt uns gar nichts anderes übrig, als ersten Kontakt mit den kleinen Wesen zu haben. Sie sind ganz weich. Wie ein schlabbriges Luftkissen und absolut harmlos. Wir werden Teil der Massenmigration und schwimmen mit unseren Millionen von neu gewonnenen Freunden Richtung Sonne.

Jelly

Jetzt lassen wir unsere Tage in Palau am Strand ausklingen. Zwischendurch kommt ein Wölkchen vorbei und regnet auf uns hernieder. Doch es dauert nicht lange und die knallende Sonne ist zurück und bringt die üppigen Farben der Flora und Faune zurück.

Ein paar Tage haben wir in einer anderen Welt verbracht, wo es untereinander anstelle von ‘how are you?’, lediglich ‘how was your dive?’ geheissen hat.
Ding Ding Ding
…so klingt das Erlebnis langsam aus.

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