Feidele gegen Mulei in der Magnolia

marco · October 16, 2012 · Chineese Culture · 0 comments

Wir packten gerade unsere Schweizer Fahne aus, und hielten unsere überaus stylischen schweizer Uhren zum Uhren-Vergleich zusammen, da stupst uns ein Chinese neben uns an:
“I am “Fei de le” Fan too!”
Wahrhaftig, das war er! Ein ganzer Champagner hatte er zur Feier auch gleich dabei und wollte mit uns anstossen.

Letzte Woche fand das alljährige Tennis Master Turnier in Shanghai statt. Der Sieger sollte mit 1000 Punkten mehr auf seinem Konto nach Hause gehen, und somit gehört es der zweithöchsten Turnier Kategorie der ATP Tour an. Grund für alle die Rang und Namen im Tennis haben, zu kommen.
Uns, natürlich, interessierte nur einer. Der King. Federer, oder auf chinesisch “Fei de le” (ausgesprochen, Fei dö lö). Und dieser King bescherte uns eine anstrengende Woche. Denn die Tickets für den Halbfinal-Tag hatten wir schon, nun musste es “Fei de le” nur noch bis dahin schaffen.
Geschafft habe ich es aus nervlichen Gründen nicht, ein Spiel live anzuschauen. Und wo ich mal den Spielstand nachschauen wollte, wie eindeutig “Fei de le” diesmal den Stanislav nach Hause schicken würde, erlitt ich eine Herzrhythmusstörung.

Nun denn, irgendeinmal war auch die Woche vorbei, und wir konnten uns getrost auf das Turniergelände bewegen.
Ausgetragen werden die Spiele in einer wunderschönen Halle, die 15’000 Leute fasst. Das Dach der Halle lässt sich öffnen, sieht dabei aus wie eine blühende Magnolie, und die Spiele können über offenem Himmel und anfliegenden Flugzeugen austragen werden.

Der ersten Halbfinal, das zwischen Djokovic und Berdych ausgetragen wurde, war etwas dürftig. Aber trotzdem gut, um das Auge, nach all den verbrachten Stunden vor den verfolgten Spielen am Fernseher, an die echten Gegebenheiten zu gewöhnen. Und gewöhnungsbedürftig war es. Ich hatte das Gefühl, ich könne da mitspielen gehen. Alles wirkte viel langsamer, als an der Flimmerkiste. Zudem fehlte mir der Kommentar. Niemand wies mich darauf hin, wie sauknapp der Ball noch auf die Linie plumpste, oder das jetzt gerade Breakball war. Keine Zeitlupe zeigte das von Schweiss tropfende Gesicht der Spieler. Und kaum hatte ich mich verloren darin, dem Schauspiel der amüsanten Chinesen in und um das Stadion zu zuschauen, schon hatte ich den Satzball verpasst. BÄM!

Tatsächlich, nebst den Spielern auf dem Platz, waren die Chinesen auch durchaus unterhaltende Akteure. Telefonieren tuen sie ungeniert, auch wenn gerade Matchball ist. Fotos nehmen sie, ohne zu übertreiben, auf der höchsten Zoom-Stufe ihrer Kamera, TAUSENDE! Und sie sind ständig am essen. Alle. Immer. Und das nicht ohne zu schmatzen und zu rülpsen.
Zwischendurch meinte der Schiri zum Publikum “Xie Xie”, was soviel heisst wie, “jetzt seit doch mal ruhig!”. Goutiert wurde das von den Chinesen nur mit, “haha, hast du gehört, er hat gerade Xie Xie gesagt!”

Dann kam der grosse Moment. Der Einmarsch von “Fei de le”. Die Korken knallten. Tatsächlich, der Chinese neben uns öffnete seine Flasche Champagner.
Zeitweise tat mir Murray, oder zu chinesisch “Mu lei”, beinahe leid. Es schien, als hätte er keine Fans. Punktete unser Lokalmatador, war das Stadium völlig aus dem Häuschen, machte sein Gegenspieler ein Fehler, wurden auch die bejubelt.
Und der lauteste Chinese war genau hinter uns. Ich hab noch jetzt den Tinnitus. Aber nicht nur der war von Sinnen. Ganze Fan-Scharen, von oben bis unten in rot-weiss bekleidet, und den eigen einstudierten Anfeuerungs-Hymnen johlend, waren überaus glücklich, die Legende einmal Live zu sehen. Und das waren nicht etwa Schweizer.

Doch es half alles nichts. Obwohl das Spiel um einiges hochkarätiger war, als das erste Halbfinalspiel, hämmerte “Mu Lei” dem “Fei de le” die Bälle nur so um die Ohren. Der gab alles und setzte noch einen drauf. Seine Rückhand erzeugte eine Druckwelle, die uns beinahe vom Stuhl fegte. Und seine Vorhand knallte wie der Schall. Unser König sah dabei manchmal alt aus und konnte nur zuschauen, wie der gelbe Filzball an ihm vorbei flitzte.
Trotzdem produzierten die Zwei zeitweise spektakuläres Tennis, das ich so live noch nie gesehen habe. Manche Ballwechsel hatten vom herrlichen Lob, bis zum galanten Stoppball, einfach alles in sich. Das Resultat täuscht ein bisschen über den Spielverlauf hinweg, doch es ging der richtige Sieger vom Platz.
Dank Regenunterbruch konnten wir “Fei de le” noch etwas länger zuschauen als geplant, so reichte es dem Chinesen neben uns wenigstens die Champagner Flasche zu leeren, sonst wäre es wohl knapp geworden.
Aber mit uns anstossen wollte er plötzlich nicht mehr.

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