Es schliesst die Neueröffnung

marco · March 06, 2012 · Allgemein, Schweiz · 0 comments

“2013 ist die Markthalle Geschichte”
Der Titel des Artikels lässt mich erstarren und ungläubig weiterlesen. Es scheint Tatsache zu werden, in Bern sollen der allseits beliebten Markthalle die Türe verschlossen werden. Und wer wollen sie drin haben? “Einer für das Ganze”! (http://www.derbund.ch/bern/nachrichten/2013-ist-die-Markthalle-Geschichte-/story/11611652)

Das sind beinahe chinesische Zustände. In Peking gehen ganze Quartiere vor die Hunde, nur um einer grossen Einkaufsmeile Platz zu machen. Niedergewalzt wird Kulturgut, damit Gucci eine neue Led-Leinwand dahin platzieren kann.

Erst letzthin war es mal wieder so weit und ich konnte mein Haar vom Schopf durchs Nasenloch hochziehen. Dies ist der Moment, wo ich am Morgen aufstehe und es weder Gel noch Dusche gelingt, mein konzeptloses Puff auf dem Kopf wieder zurecht zu rücken. Es war an der Zeit für den Meister der Schere.
Meiner einer hat gezügelt und befindet sich in dem sehr anschaulichen Soho im Quartier Sanlitun. Vier weiss, grau geschwungene Türme, die wie horizontale Meerwellen da stehen, umringen einen einsam stehenden, kleineren roten Kegel. Ein Architekt wurde die Ehre zu Teil seine Kindheitsträume im angesagtesten Quartier Pekings auszuleben. Es ist gelungen. Das Gebilde ein Schmaus fürs Auge. Aber auch gerade nur fürs Auge.

Beim betreten der Mall überkommt mich ein kalter Schauer. Stinkige Luft, wie jene von einer Baustelle, weht mir ins Gesicht, dass ich husten muss. Meine Füsse hallen von den Wänden her zurück zu mir und sind nebst einem Hammer aus der Ferne, das einzige Geräusch weit und breit.
Ich verlasse die Mall wieder schnurstracks, um mich bei der Informationstafel draussen zu vergewissern, ob mein Coiffure auch wirklich hier hin gezügelt ist. Ja, da steht es schwarz auf weiss.
Ich nehme meinen Mut zusammen und wage mich zurück in die Mall. Die meisten der Räumlichkeiten stehen leer. Hinter den verschmierten Glasscheiben befindet sich Geröll und Kübel voller eingetrockneter Farbe. An den Türen hangen zerrissene Zettel mit einer Telefonnummer drauf.
Erst als ich mich ihr nähere, erwacht die unbenutzte Rolltreppe zum Leben und führt mich ins Untergeschoss. Hier hat es ein paar wenige beleuchtete Geschäfte. Eines davon, mein Haarschneider.
Ich betrete das Geschäft als einziger Kunde. Das Sofa, wo sonst die Kundschaft auf einen Haarschnitt wartet, ist besetzt von unbeschäftigtem Personal. Alle drücken sie was auf ihren Mobiltelefonen rum. Erst als die Frau an der Kasse nach einem “Styler” ausruft, werde ich bemerkt. Einer nimmt sich mir widerwillig an.

Auf dem Stuhl wird mir eine Zeitschrift in die Hand gedrückt. Irgendein Herren Magazin. Auf der Titelseite Johnny Depp. Ich blättere und Suche das Inhaltsverzeichnis. Erste Seite: Armani. Zweite Seite: Rolex. Dritte Seite: Chanel. Ich blättere und blättere. Blättere wieder zurück, weil ich vermute die Übersicht zum Heft verpasst zu haben, nein doch nicht, blättere weiter. Etwa bei Seite 20 erscheint erster Inhalt vom eigentlichen Magazin. Der Haarschnitt ist vollbracht, bevor ich das Interview von Depp zwischen all der Werbung gefunden habe.
Der Stilist geht zurück aufs Sofa und fängt wieder an auf seinem Mobiltelefon herum zu drücken.

Ungläubig über die Einöde der Umgebung, getraue ich mich etwas weiter in die Einkaufshalle hinein. Nicht sehr weit, denn plötzlich ist die Sache auch einfach gar nicht mehr beleuchtet.
Es hat was gespenstisches, ja gar trauriges. Und ist bei weitem kein Einzelfall. Wenn etwas gebaut wird, so scheint es, dann eine neuen Super Mall. Lukrativ für den Bauherr, der die Mieten einkassiert und sich von dannen macht. Dann ist die architektonische Augenweide nur noch ein Dorn im Auge.

Bleibt zu hoffen, dass sich solche Beispiele nicht auch noch in Bern wiederholen werden. Wieviele Stimmen braucht es nochmals für eine Initiative?
Meine habt ihr!

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