Eine Oase im Zoo

marco · October 08, 2011 · Chineese Culture, Travel · 1 comments

Seit kurzem weiss ich, wie es sich im Zoo anfühlen muss. Und zwar als Tier.
Die Nationalfeiertage Chinas gehen heute zu Ende. Dies die Zeit, wo fast das ganze Land Ferien hat. Das hat zur Folge, dass das ganze Land unterwegs ist.
Ein paar hundert Millionen Chinesen auf Reisen, und mittendrin: wir!

Ein Abstecher nach Pingyao war unsere Route. Und da wir bereits grosse Beiträge für den CO2 Ausstoss in der Tropopause geleistet haben dieses Jahr, entschieden wir uns für die Schienen.
Am Bahnhof war es wie nach Konzertschluss an einem Open-Air Festival. Unzählige Leute drängten sich vor dem Bahnsteig. Allesamt ausgestattet mit einem Proviant-Sack, der für manche eine Woche gereicht hätte. Der absolute Renner darunter, statt Koffer zu packen, einfach alles in einen leeren Farbeimer zu stecken. Wieso auch Geld ausgeben für teuere Gepäckstücke.
Unser Weg führte über Taiyuan. Eine Stadt wie jede andere in China, ausgestattet mit mehr Baukränen als Mülleimer. Bereits da glänzten wir in der Menschenmasse auf, wie Diamanten in der Tropfsteinhöhle und zogen auch demnach die Blicke auf uns.

Ankunft Pingyao. Eine der wenige Altstädte Chinas und träger eines Unesco Welterbe Titels. Dank deren Bekannheitsgrad, waren wir bei weiten auch nicht die einzigen Gäste.

Eine Mauer umgibt die Stadt, auf welcher Herr und Frau Chinese rund herum flanieren könnte. Das Volk ist jedoch ziemlich Lauffaul und so quetschen sich die Leute meist am Punkt zusammen, wo man die Sehenswürdigkeit betritt. Nur hundert Meter weiter weg hat man die Menge abgehängt und ist alleine.
Wir jedoch hatten schon unsere liebe Mühe auf die Mauer zu kommen. Irgendwie war dies auf der Stadtseite nicht möglich und wir liefen den halben Weg unten an der Mauer ab. Dies führte dazu, dass wir in einer Hochzeit landeten. Zuerst dachten wir, wir sind in einer Auto-Ausstellung angekommen. Porsche Cayenne. BMW Coupé. Mercedes und sogar einem Hummer wurde es erlaubt die eigentlich autofreie Stadt zu passieren. Wir überliessen die etwas primitiv angehauchten Partygäste ihren Trinkspielen und suchten weiter unseren Weg auf die Mauer.

Nach Stunden der Erfolglosigkeit hatten wir genug. So genug, dass wir die Korrupte Seite des Landes testeten. An einem der Exits, spielten wir Tourist ohne jegliche chinesisch und englisch Kenntnisse und wollten da rauf. Von drei Chinesen wurden wir aufgehalten. Einer Aufseherin, einem Kiosk Verkäufer und einem Strassenhändler. Anfangs gingen sie auf unsere gespielte Dummheit nicht ein und winkten ab. Erst als wir das Wort “Money” aussprachen, wurde es interessant. Die Aufseherin meinte “no”, so reagierte auch der Kiosk Verkäufer abwinkend “no”, nur der Strassenverkäufer fing an zu Lächeln, zeigte uns seine kaputten Zähne und meinte zufrieden “YES!”.
Im Vergleich zum üblichen Eintrittspreis, kamen wir schlussendlich für ein Trinkgeld auf die Mauer. Und einmal mehr wurde bewiesen, dass “Money” ein internationales Machtwort ist.

Schnell einmal waren wir müde davon angestarrt zu werden und ungewollt genommenen Fotos auszuweichen. Da kam unser Highlight zum Zuge. Unser Hotel.
Durch eine grosse, hölzerne Tür betrat man eine andere Welt. In die alten Ruinen eingebaut, befindet sich mitten im Herzen von PingYao, das courtyard Hotel “Jing Residence”. Durch unverschämtes Glück und einem überfreundlichen Manager aus Indonesien, wurden wir in diesem sogar in die “Master Suite” verfrachtet. Und zum ersten mal überhaupt kann ich sagen, dass diese ihrem Namen gerecht wurde.
Im zweiten Stock gelegen, in der Dachschräge drin, war diese Suite ein kleiner Palast. Stilistisch eingerichtet, wie es die Japaner nicht besser hätten machen können, und mit einer Badewanne in der Mitte, in der wohl eine ganze chinesische Familie darin Platz gefunden hätte. So kam es, dass wir unsere Zeit mehr innerhalb der schönen Holzwände und mit Ginger Tee vor der Nase in der Residenz des Jing verbrachten, als ausserhalb im Unesco Welterbe.

Die Tage verflogen schnell in der Gemütlichkeit und bald schon waren wir wieder auf dem Weg zurück. Zusammen mit Millionen anderen.
Wo wir meinten, wir hätten unser Pensum an aufgesogenen Blicken nun erfüllt, wurde dies beim Zwischenstopp in Taiyuan nocheinmal getoppt. Bei einer Verpflegung auf dem Bahnhofsplatz wurden wir angestarrt, wie die Pandas in Sichuan. Die Leute blieben ungeniert ein Meter vor uns stehen und schauten uns an. Minutenlang. Zuerst dachten wir, vielleicht wollen die Geld oder so. Dank unseren chinesisch Kenntnissen verstanden wir aber, dass der eine, den anderen fragt, wieso er da stehen bleibe. Der eine antwortete: “Ach, ich schau nur ein bisschen!”

Im Zug wurden dann auf allen Seiten das Pick-Nick ausgepackt, und innerhalb weniger Minuten stank es im Abteil wie in der 24 Stunden geöffneten Würstchenbude auf dem Zirkusplatz. Nudelsuppe, Zuckerwatte, ein paar Kilo Früchte, Schokolade und etwas, dass wie Katzenfutter aussah und auch so roch. Alles war dabei. Der jeweilige Genuss wurde mit Rülpsen, Furzen und Schmatzen kundgegeben. Wir wurden vielleicht angeschaut wie Tiere im Zoo, aber wenigstens benahmen wir uns nicht so.
Zum Glück hatte niemand diese Magnum dabei, die mir in Pingyao untergejubelt wurde. Die war so alt, dass sie aussah wie ein Stück Scheisse und der Stengel bereits von den Parasiten aufgefressen wurde.

Also in allen Hinsichten, ist es ein Erlebnis zum chinesischen Neujahr eine Reise zu tun in China.
Aber so bald werde ich in keinen Zoo mehr besuchen gehen.

1 Comments:
  1. Hi Schlittä,
    ich bewundere Euren Mut, während des Nationalfeiertages in China zu reisen! Hut ab!
    Aber ich entnehme Deinem interessanten Beitrag, dass es doch immer wieder spannend ist in China zu reisen.
    Wir haben im Moment gerade keine Reisepläne…..nach dem wir ja geade im extremst schönen Alaska waren und ich (mit meiner Freundin Kirsten) dem Yosemite National Park einen 2-tägigen Besuch abgestattet habe, werden Torsten und ich erst wieder im November für 2 Wochen nach Florida fliegen um den Sommer noch etwas verlängern.

    Der Besuch ist nun wieder abgereist und es ist wieder Ruhe 😉 bei uns eingekehrt. Torsten arbeitet wie immer viel und ich geniesse die letzten Sommertage.

    Liebe Grüsse
    Schlittä-Schwoscht

    Trinälä · October 08, 2011

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