Ein Platz zum sein

marco · January 29, 2013 · Chineese Culture · 0 comments

Während Peking in der Pollution verstickt, hält in Shanghai der Frühling Einzug.
Pulli-Wetter war angesagt, sowie frische Luft und… umziehen.

Umgezogen bin nicht ich, sondern Sarah. Und ihre alte Wohnung gekündigt hat nicht sie, sondern ihre Vermieterin.
In China kann das manchmal ganz schnell gehen.
„Sie möchten ihren Vertrag verlängern? Sehr schön. Wir leider nicht, denn wir möchten die Wohnung renovieren.“ Da kennen sie nichts, die Landlords. Innert Wochen sieht man sich gezwungen, seine sieben Sachen zu packen, und eine neue Bleibe zu suchen.
Zum Glück war Sarah das Glück hold und sie konnte sich schnell eine neue Wohnung sichern.

Da in Shanghai alles Zagzag gehen muss, hat man auch entsprechend Möglichkeiten es Zagzag zu organisieren. Der Umzugswagen zum Beispiel ist schnell bestellt.
Obwohl, der Ausdruck Umzugswagen gar etwas übertrieben ist. Zügelwägeli trifft vielleicht schon eher die Beschreibung dieses Wagens, der aussah, als hätte er vorher gerade noch ein paar Hühner irgendwo abgeladen. Aussteigen tut ein sympathischer Opa, mit Beret und Brille mit Gläser so dick, als müssten sie schusssicher sein.
Und auf einmal ist die halbe Nachbarschaft bei der Umzugsaktion dabei. Die Wächter geben Anweisungen (die niemand braucht), ein Taxifahrer stapelt die Utensilien, der Opa wunder sich über all die Sachen und ein Kind schaut Neugierig zu.

Das kleine Zügelwägeli hat ein Taxometer, der wird gesetzt und am Schluss verlangt der Opa im Beret gerade mal 25 Kuai (etwa 3 Stutz). Wir haben ihm dann doch noch etwas Trinkgeld gegeben.

Durch ein Tor betritt man eine abgeschottetes, kleines Quartier. Ein Chinese hat sich ein Stuhl genommen und sonnt sich in der warmen Ecke. Seine Frau wäscht am Spülbecken draussen die Kleiner und hängt sie in der Mitte des Hofes auf. Ein Gruppe Leute lässt sich kurz von ihrem Majong ablenken und schaut uns interessiert zu.

Zur Wohnung gibt es zwei Wege. Einen durchs Treppenhaus und ein anderer aussen über die Balkone von diversen Nachbarn. Das scheint die jedoch kaum zu stören. Die würden wohl nicht einmal reklamieren, wenn wir quer durch ihre Wohnung spazieren würden.
Nehmen wir jedoch den Weg durchs Treppenhaus, passieren wir zuerst einen steinernen Torbogen, bevor wir über die alten, steilen Treppen ins obere Stockwerk gelangen. Unterwegs treffen wir zwei Chinesinnen im Pyjama, die sich von Tür zu Tür den neusten Gossip erzählen. Von diesem machen wir zweifelsohne einen Grossteil aus.

Und wir betreten die Wohnung. Ein winziges, knallrot gestrichenes Entrée, mindestens doppelt so hoch wie ich, mit einem kleinen Leuchter an der Decke, macht den Anfang. Das Wohnzimmer ist gross, tapeziert mit einer schillernden Tapete und hütet ein an Kitsch kaum zu übertreffendes Bett mittendrin.
Das Bad wiederum ziert eine Badewanne auf Füssen, welche bald von Rost eingefressene Löcher hat. Ob wir die zumindest Streichen dürfen, fragen wir den Vermieter. Nein, das gehöre zum Stil. Und irgendwie hat er recht.
Eingeweiht wurde das neue Domizil mit Raclette.

Die Wohnung ist so abgefahren, wie es nur in Shanghai geht. Neu mischt sich auf den ersten Blick überall mit Alt. Neue Fenster innen, aber aussen hangen noch die alten, rostigen Rahmen. Boden mit schön altem Parkett und überall leicht schräg, aber ein grandioser, neuer Wandschrank darauf. Ein Fuss aus dem Haus gesetzt in einem charmanten Quartier, wobei sich hundert Meter nebenan ein Hochhaus in die Höhe streckt.

In der U-Bahn spielt einer Gitarre und singt dazu lauthals. Er hat sich einen Batzen verdient. Er freut sich, lächelt und meint:
Welcome to Shanghai!

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