Die glorreichen 17 von Toilogt

marco · August 07, 2013 · Travel · 0 comments

Als Destination auf unserem Flugticket steht: Chinggis Kahn
Eine amüsante Definition, für das wir eigentlich im Sinn haben, nach Ulaanbaatar zu fliegen.
Schlussendlich jedoch landen wir da, wo wir auch geplant haben hin zu gelangen. Gross prallt der Name über dem Terminal Gebäude:
Chinggis Kahn Airport.
Wir sind angekommen, in der Mongolei.

In der Wartehalle zu unserem Anschlussflug hinaus in die Pampas, wird schnell klar, dass wir nicht mehr in gewohnten Gebieten sind.
Zahlreiche Busen werden ungeniert ausgepackt um Säuglinge zu stillen, ein undenkbares Bild in China. Als Handgepäck führen die meisten kistenweise Eier mit sich. Und mittendrin tummelt sich ein Cowboy im authentischen Kostüm herum. Der Typ jedoch hat tatsächlich alle Tassen im Schrank und sein Kostüm gehört wahrhaftig der traditionellen Gattung an.
Der Auftakt zu einem echten Western ist gegeben.

Wir fliegen über die grasige Landschaft hinauf in den Norden, nach Moron. Buchstabiert wird der Name wirklich so, und wer das an sich noch nicht lustig findet, soll mal noch einen Englisch Dixer zur Hand nehmen.
Im Jeep geht es über Stock und Stein weiter, dorthin, wo es keine Landefelder mehr gibt.
Unterwegs durch die weite Landschaft, fahren wir an wilden Kamelen vorbei.

Wir erreichen das erste Etappenziel: unser Camp Toilogt.
Auf den ersten Bick liest es sich wie Toilet und daher hat sich dieser Name auch sogleich etabliert.
Wir kommen also an im Camp Toilet, dass sich auf 1600m und am See Hovsgol befindet. Ein sagenhafter See, der 2% des gesamten Süsswassers der Welt birgt. Kein Wunder bei seiner knapp 180km langen Spannweite.
Das Camp, bestehend aus einigen Tipis, und den Nationalgehäusen, den Jurten, pflanzt sich gut in die atemberaubende Kulisse ein.

camp toilet

Wir erleben die erste Bekanntmachung mit ein paar Pferden. Sehr ernüchternd. Schaut der Trainer gerade mal nicht hin, macht das Pferd kaum mehr was ich will. Erste Zweifel über mein pferderisches Können macht sich in mir breit.
Die pitoreske und photogene Umgebund lenkt zum Glück ab. In der Nacht scheint der hell leuchtende Mond wie eine Lampe auf uns hernieder, etwas das einem im Peking kaum wiederfährt.

Am nächsten Tag wird uns das Material für die Pferde ausgehändigt. Da wir die letzten Ankömmlinge im Camp sind, bleiben nur die kleinsten Pferde- Sackoschen übrig. Wir müssen einen regelrechten Packspagat hinlegen, um unser schon bescheidenes Material mitführen zu können. Unverzichtbar jeweils im Pferdegepäck: Wasser, Lunchbox, Regenjacke, Sonnencreme und Kamera. Wir schmuggeln stets noch ein paar Farmerriegel mit.

Camp Toilet ist jedoch noch immer nicht die Ausgangslage für unseren 7 tägigen Pferdetreck. Per Boot geht es auf dem Hovsgol See weiter Richtung Norden.
Wir sind weit und breit das einzige Schiff. Wenn wir in diesem überladenen Kahn untergehen, dann kommt uns niemand zu Hilfe. Dann bliebe nur noch schwimmen. Wenigstens ist das Wasser anmachend. Das Türkisblau erinnert stark an das tropische Meer und man wäre kaum überrascht, würde auf einmal ein Delphin an der Oberfläche auftauchen.

see

An der Grenze zu Russland legen wir an. Wir setzen Fuss auf Sibirien, wird uns geschildert. Das erklärt auch die frischen Temperaturen.
Vor uns erstreckt sich pure Gras-, Wald- und Berg-Landschaft. Und auf dem Feld, wo wir campen, sind unsere 56 Pferde am grasen. Sie stärken sich für den bevorstehenden Ausflug. Eines von ihnen soll von mir geritten werden.
Zuerst jedoch beziehen wir unser Zelt, und das Zuhause für die ganze nächste Woche. Wo wir anfangs noch Mühe beim aufstellen bekunden, sollten wir zum Ende hin regelrechte Meister und rekordträchtig schnell darin sein.
Obwohl noch nicht der 1. August, entfachen wir im Camp ein ‘Big Fire’ wie uns unser Koch stolz mitteilt. Es wärmt unsere Knochen, die die sibirische Kälte noch nicht gewohnt sind.
Mit dem erlöschen des Feuers, kommen die Sterne zum Vorschein. Die von innen erleuchteten Zelte sehen aus wie Glühwürmchen in der Nacht.

Nach einer verregneten Nacht, und dem Beweis, dass unsere Zelte dicht sind, stehen wir mit der aufgehender Sonne auf.
Die Stunde der Wahrheit. Uns werden die Pferde zugeteilt. Einige von ihnen bocken bereits. Ich bete, dass ich eins kriege, das mit mir nicht als erstes das Böckchen macht.
Die Geschichten, die uns noch ein Chinese zuvor im Camp Toilet erzählt hat, das letztes Mal als er dabei war, ALLE einmal vom Pferd gefallen sind, kommen in mir hoch.
‘Here, your horse!’, und mir werden die Zügel zu einem braunen Ungetüm in die Hände gedrückt. Eigentlich sind die mongolischen Pferde nicht so gross, aber in dem Moment, als mein Pferd zum ersten mal vor mir steht, wirkt es riesig.
Ich schwinge mich auf dessen Rücken. Zügel in der Hand. Die Kontrolle ist mein. Oder auch eher nicht. Mein Pferd will sich gleich von dannen machen. Mehr aus Angst plötzlich alleine zu sein, als auf meine wilden Gesten hin, entscheidet es sich kurz vor all den Ästen des Waldes, die mich wohl geköpft hätten, doch wieder zur Gruppe zurück zu kehren.

Nachdem alle parat sind, startet der eigentliche Trek.
Wir sollen unseren Pferden Namen geben. Ich betitle meins ‘Hibiki’, wie der Whiskey. Obwohl im Nachhinein, hätte ich es wohl besser ‘Pitstop’ getauft. Der Gaul ist ein Fresssack und lässt keine Chance aussen, ein paar Blätter von vorbeiziehenden Büschen zu naschen. Es kristallisiert sich auch immer mehr, dass er ein Folger und kein Führer ist. Mir gelingt es kaum ihn anzutreiben. Sobald aber ein anderes Pferd vorbei huscht, fühlt sich Hibiki inspiriert und zieht mit.

Der erste Tag ist ein wenig schwammig. Die Landschaft lässt sich nicht richtig geniessen, da ich noch mit der Bekanntmachung von meinem Pferd vereinnahmt bin.
Trotzdem reicht es zu einem ersten Porträt:

me and hibiki

Am Abend kommen wir alle erschöpft am Plätzchen an, wo wir unsere Zelte aufschlagen. Wir sind am Fusse eines Berges und gleich neben einem Fluss, von dem wir unser Wasser beziehen. Oder besser gesagt, pumpen. Einige von uns führen Filter mit, mit dem man schlicht irgendein Wasser sauber pumpen kann. Made in Switzerland natürlich. Obwohl nötig wäre es wohl kaum. Unsere Horsemen trinken das Zeug ungekocht.
Eine auf den ersten Blick rabiate und urchige Truppe, diese Pferdemänner. Mit Zigi in der Schnurre, reiten sie die Pferde so gekonnt, wie manche von uns kaum auf den eigenen Beinen laufen können.

Weit weg von Zivilisation, Verbindungswellen irgendwelche Art und Strom, essen wir zu Abend. Die Knochen schmerzen, allem voran die Knie. Bald würde sowieso Regen einsetzen und so finden wir uns zu heiliger Zeit schon eingekuschelt im Schlafsack wieder.

Halb tiefgefroren erwache ich in der Nacht. Mein sommerlicher Schlafsack, der nur gerade für Temperaturen um die 10 bis 15 Grad gedacht ist, kann die Kälte nicht mehr fern halten. Termounterwäsche von oben bis unten wird mein Pischi für den Rest der Woche.

Tagwach zu Sonnenschein.
Heute sind Skills gefragt. Galopp-Skills. Unsere Reiter, bestehend aus einer 17 köpfigen Touristengruppe, kriegen die meisten ihrer Pferde schnell in den Griff. Jedem ist auch ein Horseman zugeteilt, der einem bei der Pferdezähmung etwas assistiert. Die Gruppe ist wild zusammen gewürfelt und reicht von einem millionenschweren Chinesen, über Unternehmer, Familien, Abenteuerlustige, Fotografen, bis zu einem knapp 2 jährigen Jungen. Eine Interessante Meute also.
Und alle kriegen den Galopp hin.
Nur ich nicht.
Mir wird das Wort beigebracht, wie man die Pferde anspornt.
‘CHU!’
Ich versuche es in jeder erdenklichen Tonlage. Ein sanftes chu, ein bestimmes Chu, ein langgezogenes Chuuuuu, ein kurz- prägnantes chu. Nichts.
Ich werde agro und schreie und verfluche mein Hibiki: CHU!!!!
Und da bleibt er gleich ganz stehen.
Die anderen sind bereits aus meiner Sichtweite galoppiert.
Mein Horseman kommt zurück. Er drückt mir ein Stock in die Hand und gestikuliert, damit dem Pferd Beine zu machen.
Und viel braucht es wirklich nicht. Ein kleiner Klapps auf den Allerwertesten, und mein Hibiki flitz über die Felder. Ein Gefühl von Geschwindigkeit, das süchtig macht.
Bei unserem Spurt werden wir von einer Horde wilder Pferde gekreuzt. Dieses Geschehen, zusammen mit der steinig, hügeligen Landschaft im Hintergrund, lässt die Bilder der Malboro Werbungen in mir wach werden.

Wir campen an einem Tümpel, der arschkaltes Wasser birgt. Der galoppierende Tag jedoch war schwitzig und eine Dusche ein Muss. Mit einem Kübelchen schütten wir uns das Gletscherwasser über die Köpfe.
Die Weitsicht aus unserem Zelt hinaus ist phänomenal. Das Bier beim Lagerfeuer haben wir verdient.

schaflandschaft

Wir sollen uns stärken, heisst es, morgen gebe es ein langer Tag über die Ebene, bevor wir am Abend dann bei einem echten Shamanen unsere Zelte aufschlagen dürfen.

Hibiki ist ein Morgenmuffel.
Die anderen trotten davon, währenddem mein Gaul nur langweilig vor sich hin spaziert. Da hilft auch der Stock nichts mehr.

Abseits der Gruppe, fühlt sich die Ebene noch leerer an, als sie es ist. Über viele Kilometer erstreckt sich eine Graslandschaft, die eine Bergkette mit der anderen verbindet. Es handelt sich hierbei um eine der grössten Ebenen, die es auf der Welt gibt.
Erst bei einer Tränke und einem gekonnten Galopp, schliesse ich wieder zu den anderen auf… Und erlebe einen beinahe Fall vom Pferd.
Nämlich bin ich gerade am Filmen und halte meine Zügel gelassen mit einer Hand, als mich der Bulle aus der Kuhherde, die sich ebenfalls an der Tränke tränkt, attackieren will. Zumindest tut er so. Es reicht jedoch aus, um meinen Hibiki zu erschrecken. Der macht einen Satz nach Rechts und lässt mich um ein Haar links liegen. Meine von Pilates durchtrainierten Schenkel, können sich aber noch rechtzeitig festklammern und verhindern den Sturz.
Scheiss Bulle. Oder scheiss Kuh. Oder scheiss Pferd. Oder doch Büffel? Schwer zu sagen, um was es sich bei diesem Herdetier handelt. Irgendeine Kreuzung zwischen Kuh und Pferd jedenfalls. Der Kopf ist Kuh, Schwanz und Haare jedoch Pferd.

Unerer Dolmetscherin ergeht es leider nicht so glücklich wie mir. Ihr Pferd entscheidet sich nämlich, im Wasser ein Bad zu nehmen. Ein Vollbad, mit sich vor Freude im Wasser drehen und Plantschen. Irgendwie muss es vergessen haben, dass da noch jemand auf seinem Rücken sitzt.

Und dann fällt auch noch unser Fotografe vom Pferd. Sein Tier ist in ein Loch getrampt, eingeknickt und er dann quasi durch die Windschutzscheibe gefallen. Glücklicherweise ist beiden nichts passiert. Und uns wurde demonstriert, dass man vom Pferd fallen kann, ohne sich was zu tun. Sehr beruhigend. Es sollten ihm gleich noch ein paar anderen nach machen im Verlaufe der Woche. So wie er es sich selbst auch nochmals nachahmt.
Verletzte, so viel von der Spannung können wir schon vorne wegnehmen, gab es jedoch in der ganzen Zeit keine.

Nach einem endlosen Ritt lassen wir die Ebene hinter uns und kommen an einem Fluss an. Zu tief um durch zu reiten. Bleibt nur eine klapprige Holzfähre. Die Pferde scheint die überfahrt auf dem engen Floss kaum zu stören.
Wir verdienen uns unsere Yak Sandwiches zum Mittag.

Auf einem langsam schmerzenden Popo geht der Ritt weiter über zwei Pässe. Gewitter türmen sich im Hintergrund auf und bieten ein spektakuläres Bild in der Szenerie.
Von all diesem auf und ab wird Hibiki allerdings,müde und er bockt sich vor dem Galopp. Sehr zum leid meiner Familienjuwelen, die müssen dadurch nämlich viel längere Trotts durchstehen. Der Trott, oder der sogenannte zweite Gang, wohl die mühsamste und durchrüttelndste Geschwindigkeit auf einem Pferd.
Nach einer schier unerträglichen Weile im Trott über Stock und Stein, kommen wir endlich bei unserer nächsten Campingstelle an.
In einem Tal in der Nähe von Tsagaan Nuur, das sogar für mongolische Verhältnisse als abgelegen gilt und gleich neben dem Haus eines Shamanen.

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