Der nackte Rückzug

marco · April 08, 2012 · Chineese Culture, Travel · 1 comments

Irgendeinmal ist einfach genug mit Beton, Hektik, Lärm und Millionen von Menschen, die diese Eigenschaften mit einem teilen.
Wir schlugen zum Rückzug. Und es wurde der nackte Wahnsinn.

Nur ein paar Stunden von der Metropole Shanghai entfernt, findet man diese gewünschte Ruhe im Resort „the naked retreat“. Aus der Sicht von Wolkenkratzern, eingeklemmt zwischen Bambuswäldern und grünen Hügeln voller Tee, wurde in dem Gebiet von „Moganshan“ eine kleine Oase errichtet.
Mit Wurzeln aus Südafrika wurde in dieser Nische der Unberührtheit ein Dorf eingepflanzt, dass vom Auftritt her noch seinesgleichen sucht in China. Die Grete zum Tal wir von Villas mit privatem Jacuzzi geziert und für etwas normal sterblichere wie wir gab es Bungalows in Mitten des Waldes. Diese Oval geformten Hütten mit Strohdach waren derart gemütlich eingerichtet, mit Balkon hinein in die Bäume und einem Bett wo eine ganze chinesische Familie drin Platz gefunden hätte, das man sich nur mit Mühe überhaupt aus dem Gemach hievte. Passenderweise trugen diese Hütten Namen von Tieren. Da gab es die Elephanten eins bis sechs, die Giraffen eins bis vier und unseres, auf dem Hügel und Mitten im Wald, Bungalow “Monkey 2”.

Das Resort aber wirbt vor allem mit seinen Aktivitäten. Mit den etlichen Pools die es hat, paar davon sogar zur unendlichen Gattung gehörend, Wanderungen, dem obligaten Spa, BBQ Anlässe, und einem Feld, wo sich die unzähligen Kinder sich mit etlichen Ballspielen tummeln konnten, war man durchaus den Tag durch beschäftigt.
Manche von diesen Beschäftigungen gingen in aller Herrgottsfrühe los. So stand an unserem ersten Morgen Pilates auf dem Programm. Und dafür wurden wir mit einem Golf-Wäggeli abgeholt.
Richtig, abgeholt. Mit Golf-Wäggeli. Dem einzigen erlaubten Gefährt im Dorf zum nackten Rückzug.

Wenn die Chinesen nicht müssen, dann laufen sie nicht. Und zwar gar nicht. Keine fünfzig Meter. Schon unzählige Male fand ich mich umgeben von grossen Augen und offenen Mäulern, wenn ich meinte, kein Problem ich laufe nach Hause, oder zur Arbeit. Aber warum? Einfach so, aus Vergnügen. Laufen zum Spass? Dafür gibt es wenig Verständnis. Der nackte Rückzug hat sich für diesen Anspruch gerüstet und stellt jedem Gast einen Butler mit „Golf car“ zur Verfügung. Wir nahmen diese Dienstleistung ganz schweizerisch selten an und mussten uns gegen Ende jeweils fast schämen, wenn wir unseren Gastgeber „Michael“ auf dem Weg trafen und er uns zum hunderdsten Mal offerierte uns jeweils abzuholen. Unseren Kommentar von wegen laufen und so nahm er gar nicht mehr auf und meinte schon fast gekränkt „ok, see you“.

Zu Fuss ging es auch auf den eigentlichen „Moganshan“, wo sich der „Chairman Mao“ zu seiner Zeit in diesem Haus die Ferien vertrieb.

Das Gebiet ist allgemein bekannt bei den wohlhabenderen Chinesen und ihren Ferienetablissements. Jedoch scheinen die Architekten in China nicht grossen Unterschied zu machen, ob sie nun ein Gebäude für die Stadt, oder Land bauen. Der Hügel Hang des Moganshans ist bepflastert von Betonbunker, die eher Dornen im Auge der Landschaft sind, als Augenweiden, die man sich auf der Flucht von der Stadt erhofft hat.
Nebst den Strassen wuchert die Natur zum Glück wild. So weit das Auge reicht drängt sich Bambusbaum an Bambusbaum. Mit diesem wird auch arg geschäftet. Ein Bauer, der gerade daran war ein Bambusbaum zu fällen, erzählt uns, dass er diesen für 20 bis 40 Yuan auf dem Markt los wird. Umgerechnet sind das zwischen 3 bis 6 Franken pro Baum. Kaum auszudenken ist die Marsche, welche die Händler auf ihre Designer-Stühle und Schränke schlagen.
Nichtsdestotrotz hat es etwas magisches in einem dichten Bambuswald zu spazieren. Man fühlt sich wie in einem der chinesischen Märchen, bereit den Säbel zu zücken und auf den Baumwipfel umher zu tanzen. Und wo eigentlich nur der an Bambusstängel knabbernde Panda im Bild fehlt, findet man dafür die überaus giftige Bambusschlange im Gestrüpp.

Wir wurden mal wieder auf natürliche Art und Weise verwöhnt. Diese reichte vom Hügel nebenan gepflückten Tee in der Tasse, bis zum Salat aus der Region auf dem Teller.
Zum Glück nicht auf dem Teller landeten bisweilen unsere letzten Bekanntschaften des nackten Rückzugs. Shava, Shaka und Kameraden. Diese prächtigen, chinesischen Gallions-Pferde gewährten uns zum krönenden Abschluss auf ihren Rücken durch das Gebiet Moganshans zu spazieren und traben. Dafür liessen sie auch keine Gelegenheit aus mal ein bisschen Bambus zu knabbern. Statt Pandas, hatten wir also Pferde, die sich an den grünen Rohren vergnügten.

Unser nackter Rückzug hat sich gelohnt. Von der Natur gestärkt bliesen wir zum Vormarsch und fanden uns in einem Haufen festgesessenen Chinesen am Bahnhof in Hangzhou wieder. Alle Züge zurück nach Shanghai ausgebucht.
Aufzufallen ist nicht immer ein Nachteil. In diesem Fall kam es uns ganz gelegen als Ausländer heraus zu stechen. Schnell hatte uns ein Schwarzmarkthändler gefunden und uns ein paar Tickets verkauft. Die Zug-Billets gehen nach Namen und Passnummern. So wurde aus Sarah ein gewisser „Gong Yu“ und aus mir „Zhang Yang“. Dank unseres Aussehens stellte dies auch niemand in Frage und liess uns aus ihren mangelnden englisch und unseren plötzlich vergessenen chinesisch Kenntnissen ohne Probleme passieren.
Aber es ist so, der Menschenmassen-Tumult Chinas braucht nerven.
Und wir somit schon bald wieder einen nackten Rückzug.
Michael, wir kommen wieder. Kein Problem, wir laufen.
„Ok, see you!“

1 Comments:
  1. ….Du wohnst aber schon noch in Beijing…….und nicht in Shanghai??? ;-)))
    Liebe Grüsse
    Trinälälä

    Trinälä · April 08, 2012

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