Der letzte Ritt nach Ulaanbaatar

marco · August 11, 2013 · Travel · 0 comments

Pfffft
Das normalerweise unser Wecker in der Früh. Ein langes, gasig und stinkiges ‘ Pffffft’
Pferde furzen viel. Jedenfalls die mongolischen.
Da reitet man gemütlich hintereinander her, geniesst die unglaubliche Landschaft, plötzlich hebt der Gaul vor einem leicht seinen Schwanz und ‘pffft’, die Idylle ist dahin.
In der Nacht dürfen die Pferde jeweils frei herum spazieren, kommen dadurch relativ nahe an die Zelte ran und man wird dadurch von einem regelrechten Furzkonzert aus den Federn geholt.
Nur die immer wieder auftauchenden Schafherden scheinen das toppen zu können. Steht man in eine solche Herde hinein, kann man wie ein Dirigent seinem Orchester die Töne, den Schafen die dumpfen Fürzchen entlocken.

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Item, nach 3 Tagen des Reitens, steht ein Ruhetag auf dem Programm.
Der Schamane ist auch noch nicht zu Hause und lässt auf seine Präsenz warten. Die Schamanen ja quasi die Götter der Mongolen. Sie repräsentieren das Sprachrohr zwischen den verstorbenen Seelen und unserer Welt. Mit diesen Seelen können sie Kontakt aufnehmen und über sie an Informationen gelangen, die uns normal Sterblichen verborgen bleiben. Die Schamanen werden in drei Kategorien unterteilt: die Laufenden, die Reitenden und die mit dem höchsten Rang, den Fliegenden.
Wir sollten auch in den Genuss einer Zeremonie kommen, doch erst wenn die Sonne wieder hinter dem Horizont verschwunden ist.

Um die Zeit zu vertreiben und uns für die weiteren Tage Proviant zu sichern, schlachten unsere Horsemen ein Schaf. Und wir dürfen zu schauen.
Ich hab mir das Schlachten stets als ein brutaler Akt vorgestellt. Ist es bestimmt auch durchaus. So wie es jedoch die Mongolen machen, können sogar Kinder dabei sein, ohne ein Traume davon zu tragen. Wortwörtlich, die jüngsten unserer glorreichen 17 sind mit offenem Mund am staunen.
Ein kleiner Schnitt beim Bauch, rein mit der Hand, die innere Arterie durchgeschnitten und fertig. Kein Blut. Kein Tiergeschrei. Nichts.
Wie das Tier dann gehäutete wird ist nicht jedermanns Sache, zeigt aber, dass unsere Horsemen wahrhaftig wilde Männer sind.
Und wir wissen haargenau, was wir aufs Teller kriegen.

Wir wollen auf den heiligen Berg hinter uns krackseln, das unser Vorsatz von heute. Was die Pferde auf ihren muskulösen Beinen ohne gross zu wackeln bewältigen, setzt unseren Stelzen aber schon eher zu. Wir erklimmen den Berg nur bis zur Hälfte, jedoch weit genug um eine überwältigende Aussicht zu kriegen.

Nach einer weiteren Naturdusche im nahe gelegenen Fluss, geht es am Abend in den Ausgang. Und zwar im Galopp Richtung Tsagaan nuur.
Genau in dem Moment, wo wir los preschen, droht auch ein Gewitter seine Kraft auszulassen. Wir müssen uns sputen und treiben unsere Pferde an.
Ich verliere im Galopp meine Sackkoschen. Verdammt! Jetzt bin ich im Hintertreffen und mein Gaul lässt sich nicht mehr richtig zünden.
Da kommt ein Horseman von hinten und haut dem Hibiki eins auf seinen PoPo.
HURTA HURTA!
Schreit der Horseman. Schnell schnell!
Hibiki geht in den dritten Gang. Dem Horseman ist das aber noch nicht genug, er geht mit seinem Rennpferd in den vierten Gang über und überholt mich und Hibiki.
Der Kampfgeist von Hibiki scheint nun erweckt, jetzt zieht er mit und ja, gar davon. Er schaltet ebenfalls in den vierten Gang. Er fliegt über das Feld. Noch ein wenig schneller und wir heben ab.
Vor uns durchzucken Blitze die Luft.
Ein wahnsinns Gefühl.
Ich juble.
Der Horseman jubelt mit.
Seine weissen Zähne, offensichtlich ein Gebiss, da er wohl mal ein Huf in die Schnauze gekriegt hat, glänzt weiss auf.
All die anderen holen wir locker ein. Ich kann den Hibiki kaum mehr bremsen. Im Galopp reiten wir in das Dörfchen Tsangaan Nuur.

Es ist wie in einem Western-Film. Ein Gewitter ist über die kleine Stadt Tsagaan Nuur gezogen und hinterlässt schlammige Strassen. Die Häuser sind verlassen und wir reiten einsam durch die Stadt.
Die graue Wolkenwand steht im kontrast zur untergehenden Sonne, die ihre warme Strahlen nach dem Sturm, auf die zahlreichen, knallig farbenen Hausdächer wirft. Ein magisches Bild.
Bei einem Restaurant binden wir unsere Pferde an und betreten:
Die Tsagaan Nuur Disco-Bar.
Durch den Tag ein Restaurant, am Abend dann Diskobetrieb. Die Musik kommt aus einem Kassettenspieler. Es wird eine feucht fröhliche Angelegenheit.

Was man dann nach ein paar Bierchen mit dem Auto macht, sollte wohl auch mit dem Pferd beachtet werden. Stehen lassen.
Nicht in Tsagaan Nuur. Die Strecke, für die eigentlich eine Stunde gerechnet wird zurück ins Camp, machen wir in lockeren 20 Minuten. Im Verten Gang halt. Nicht mal die Kollegen im Jeep können mithalten.

Währenddem die Pferde ihre Runde um das Haus des Schamanen drehen müssen, um ihre popernde Herzen zu beruhigen vom Spurt, bekommen wir zum ersten mal den Schamanen zu Gesicht. Ein zerbrechlicher, alter Mann, der jeden umarmt und etwas ins Ohr nuschelt. Meine Hand behält er besonders lange in seiner und meint, ich sei wie ein alter Bruder für ihn.
Hm, ok.

Später kriegen wir die Ehre, einer seiner Zeremonien beizuwohnen.
Zuerst schnieft er etwas an alten Schuhen und seine zwei Helfer, ziehen ihm die dann mühsam über. Darauf wirft er sich sprichwörtlich in einen alten, zerfetzten Mantel, der noch mit Fellstücken verschiedenster Art bestückt ist. Als letztes Teil seiner Verkleidung setzt er sich eine Art Maske auf, die in mir, wäre ich etwas jünger gewesen, bestimmt Albträume hervorgerufen hätte. Die ist mit Hörner bestückt und hat komisch, stechende Augen aufgenäht. Das alles in einem Raum, der nur von schummrigen Licht beleuchtet ist. Beängstigend.
Nachdem sich der Shamane voll bekleidet hat, fängt er plötzlich an, wie ein besessener herumzuhüpfen. Bevor er sich etwas beruhigt, wird ihm eine schwere Trommel ausgehändigt, auf der er anfängt wild und unrhythmisch zu hämmern. Doch beachtlich für einen scheinbar so zerbrechlichen Mann. Dazu singt und murmelt er, setzt sich mit komischen lauten in Trans und nimmt so zu einer anderen Welt Kontakt auf.
Ein sehr spezielles Erlebnis und sicherlich nicht etwas, dass man so oft zu sehen bekommt.

Pffffft
Werden wir aus den Federn gerissen. Die Zeremonie des Shamanen dauerte bis spät in die Nacht. Das, obwohl wir heute wiederum einen anstrengenden Reittag vor uns haben. Doch ist das den Geistern wahrscheinlich furzegal.
Der Weg führt uns zurück über die zwei Pässe, wo wir einmal mehr in den Genuss der Landschaft voller Seen kommen.

me on hibiki

Über die Pferdefähre zurück, hat uns die ewige Ebene wieder. Die Geier kreisen über uns. Sie scheinen unser Unheil zu wittern. Innerhalb kurzer Zeit stürzen zwei von uns vom Pferd.
Wir machen bei einer verlassenen Scheune halt und binden die Pferde an einem Holzbalken fest. Als ich einen Schluck Wasser nehmen will, schreckt etwas die Pferde auf und Hibiki sowie zwei andere Pferde geraten irgendwie in Panik. Ohne weiteres reissen sie den Holzbalken aus der Brüstung. Die haben schon Kraft, die Tiere. Wir kommen mit einem blauen Auge davon, verlassen aber die Ebene so schnell wie möglich, da heute hier irgendwie schlechtes Feng Shui herrscht.

Es ist der 1. August Abend und unser Koch zaubert aus zwei Pfannen, die er lediglich über dem Camp-Feuer erhitzt, ein grandioses Festmahl. Frisch geschlachtetes Schaf inklusive versteht sich.
Wir feiern gebührend. Stören tut es niemand, da es weit und breit niemanden gibt. Die Ländlichkeiten mongoliens gehören dem Volk, und können nicht besessen oder gekauft werden.

Der Vorletzte Tag ist zum ersten Mal etwas neblig. Das Wetter in der Mongolei kann allgemein als sehr bergig bezeichnet werden. Es variert sehr schnell von einem extrem ins andere.
Die neblige Sicht jedoch erlaubt mir, meine Pferdefähigkeiten noch etwas zu verfeinern. Mittlerweile habe ich den Hibiki soweit, dass er mehr oder weniger macht, was ich will. Sogar schon früh morgens zur Muffelzeit.
Ist eigentlich er der Morgenmuffel, oder ich?

Einmal mehr suchen wir uns ein grandioses Plätzchen aus, um unsere Zelte aufzuschlagen. In der Nacht wird es erneut eisig kalt. Was auch nicht verwundert auf 1800m Höhe. Doch mittlerweile sind wir hart im nehmen. Erstaunlich wie schnell man sich an neue Umstände gewöhnt.

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Am letzten Tag ist uns, den glorreiche 17, die Müdigkeit dann aber doch anzumerken. Es wird nicht mehr so wild und kreuz und quer geritten. Unsere Horsemen entscheiden sich daher auch den tiefsten Pass in der Gegend zu überqueren, um wieder zum Hovsgol See zu gelangen.
Und wirklich, der Trott geht langsam auf den Sack. Wortwörtlich. Da unten gibt es bald scrambled eggs.
Wir werden jedoch entsprechend entlöhnt. Für die letzten Kilometer feuern uns unsere Horsemen, die uns gegenüber nun ziemlich aufgetaut sind, an, Gas zu geben. Wir holen ein letzte mal, quasi für den Endspurt, raus, was drin liegt bei Hibiki und co.
im Galopp gelangen wir.
…ans Meer.
Wahrhaftig. Plötzlich erstreckt sich vor uns eine Küste mit smaragdblauem Wasser.
Natürlich ist es nicht das Meer, aber wüssten wir es nicht besser, könnte man den Hovsgol See durchaus damit verwechseln.

Stolz kann ich also verkünden, dass ich eine Woche auf einem launischen Pferd verbracht habe, ohne herunter zu fallen.
HURTA HURTA!
Auch die Horsemen scheint es zu freuen, dass alles glimpflich verlief, und sie laden uns ein, mit ihnen UNO zu spielen.
Dann sieht man also,die noch so taffen Horsemen plötzlich beim harmlosen Kartenspielen. Die Karten knallen sie aber in die Mitte, als würden sie mit der Peitsche zuschlagen wollen.
CHU!

Auf der Rückfahrt über den einsamen Hovsgol See tauchen plötzlich Bier- und Weinkisten auf. Zuerst ist da alles ganz lustig und die wilden Männer posieren gar für uns mit einem Lächeln.

die Wilden

Trinken können sie aber, diese Pferdemänner. Und wie das so ist mit Alkohol und dem potenten Geschlecht, irgendeinmal endet es in einer Raufferei. Und wenn da mongolische Horsemen involviert sind, mit Händen so kräftig wie Bärentatzen, kann es schon mit einer blutigen Nase enden.
So jedenfalls bei uns auf dem Schiff. Dort haben sich irgendwie Vater und Sohn in die Haare gekriegt und angefangen zu prügeln. Scheinbar gehört sich das aber so in der Mongolei.
Andere Länder, andere Sitten.
Mich als Gast haben diese Horsemen fasziniert. Was die mit den Pferden machen, wäre im Zirkus Knie ein abendfüllendes Programm.

In Ulaanbaatar lassen wir die Reise ausklingen. Eine schmutzige Stadt, wo die Kohlekraftwerke gleich beim Stadteingang parat stehen.
Ein Drittel der gesamten mongolischen Bevölkerung lebt hier. Allerdings gibt es nur deren 3 Millionen im ganzen Land.
Gleich neben dem grossen Platz im Zentrum der Stadt, landen wir in einem KFC. 9 Tage Yak und Lamm waren genug, dieses Chicken haben wir uns verdient. Obwohl wir uns es hier nicht so abenteuerlich verdient und selber geschlachtet haben.

Mit der aufgehende Sonne, fliegen wir frisch gesottenen Pferdeleute hinein in neue Abenteuer in Kambodscha.

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