Der Gang der Schande

marco · November 23, 2011 · Beijing, Chineese Culture · 0 comments

Es war zu sehen in den frühen Morgenstunden.

Ich war auf dem Weg zur Arbeit, mit Augen schwer und schlafgetrunken. Da entdeckte ich diese Chinesin vor mir.

Ein Chinese ist bei Mao nicht das Spektakuläre an dieser Geschichte, die in einer Stadt spielt, die gerade daran ist die 20 Millionen-Einwohner Marke zu knacken. Das auffallende an dieser Chinesin war: sie ging rückwärts. Und sie tat dies, als wäre es das gleiche was ich gerade mit vorwärts gehen tat, nämlich das Normalste überhaupt.

Wo ich zuerst dachte, es handle sich um eine skurrile Einzelerscheinung, wurde ich schnell einmal eines besseren belehrt. Seither sehe ich diese seltsame, menschliche Spezies, die einen Schritt hinter den anderen setzt, beinahe jeden Morgen.

Einerseits hat es etwas beruhigendes, denn ich kann somit ausschliessen, dass diese Beobachtung auf eine morgendliche Fehlfunktionen meiner Hirnstränge beruht hat.
Andererseits fand ich mich motiviert, diesem Verhalten auf die Sprünge zu gehen.

„Es macht glücklich“, wurde mir von chinesischer Seite erklärt, „ja richtig, die machen das zum Spass“.

Eine andere, etwas sinnvollere Erläuterung lautet, dass dieser Gebrauch praktiziert wird, um die körperliche Koordination zu verbessern. Sport also? Ja genau, Training von Geist und Körper.

Meine Lieblingstheorie jedoch wurde mir von einem chinesischen Freund aufgetischt. Es könne sich bei dieser Aktion um den „Walk of shame“ handeln.
Der Gang der Schande.
Schande darüber, dass die Fussgänger üblen Kater haben, oder gar immer noch betrunken sind und so zur Arbeit gehen zum Beispiel.
Schande dass sie bei einer spontanen Bekanntschaft übernachtet haben, obwohl zu Hause Frau und Kinder warten.
Schande, weil sie ihrer Mutter erklärten, auf dem Mobile sei kein Guthaben mehr vorhanden gewesen, es in Tat und Wahrheit jedoch gerade frisch aufgeladenen wurde.
Schande, dass nicht ein Defekt der Waschmaschine, sondern die Faulheit es verhindert hat die stinkenden Kleider zu waschen.
Schande darüber, schon wieder hölzerne Essstäbchen verbraucht zu haben, anstelle der wiederverwendbaren aus Plastik.

Einfach Schande darüber, etwas schandhaftes gemacht zu haben!

So gesehen eigentlich eine schöne Geste.
Man stelle sich vor, dieser Brauch setze sich in unserer Gesellschaft durch. Die zahlreichen Zusammenstösse würden zu unzähligen Verletzen führen und das Chaos vor dem Bundeshaus wäre unbeschreiblich. Wahrscheinlich schon nach ein paar Jahren würden uns evolutionsbedingt Zehen an den Fersen wachsen.

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