Der Drache hat gespien

marco · May 26, 2014 · EICAR, Paris · 1 comments

Da arbeitet man Monate auf ein paar Tage hin, plötzlich sind sie da und noch viel schneller auch gleich wieder vorbei. Es ist passiert, ich habe meinen ersten Film abgedreht.

Die paar Wochen vor dem „Shoot“, wie wir den Dreh so schön nennen, wurden auch regelrecht auf uns eingeballert. Irgendein Klugscheisser hat mal gesagt: plane für das Schlimmste, hoffe auf das Beste. Bei uns war irgendeinmal nur noch hoffen angesagt.

Angefangen hat es mit den Castings. Es ist unsere letzte Auswahl-Session, die sogenannten „Call-backs“. Von den rund 20 weiblichen Darstellerinnen haben wir deren 4 Besten nochmals eingeladen. Die Wahl fällt leicht und die Rolle ist schnell besetzt.
Die männlichen Darsteller hingegen sind schwieriger auszuwählen und wir haben nur gerade 2 vorselektioniert. Einer davon glücklicherweise mein klarer Favorit. Und genau der taucht nicht auf. Ein Schauspieler mit Starallüren: irgendeinmal schreibt er mir, er habe keine Zeit für die „Call-backs“. Ich könne ja einfach das Videomaterial von der ersten Session anschauen und ihm bitte bis zum selbigen Abend Bescheid geben. Er habe schliesslich auch noch andere Projekte. Beinahe eine Schande zu gestehen, dass dieser arrogante Herr noch den roten Pass auf sich trägt.
Nun denn, Fakt ist, ich habe nur noch einen Darsteller übrig für die Hauptrolle. Er ist nicht hundertpro das, was ich mir vorgestellt habe, aber formbar. Und er bringt eine Qualität mit sich, die in diesem Geschäft von unsaglicher Qualität ist: Zuverlässigkeit.

Gut, die zwei jungen Hauptdarsteller sind also gefunden. Und der Asiate? Mit dem haben wir uns in falscher Sicherheit gesonnt. Er kommt zu den „Call-backs“, nur um uns mitzuteilen, dass er keine Zeit habe für den Dreh. Und das trifft mich wie die Faust ins Gesicht.
Um euch klar zu machen, was das in dem Moment für mich bedeutete, hier eine Erläuterung. Diese „Call-backs“ finden eine Woche vor dem Dreh statt. Wir haben zu diesem Zeitpunkt nur einen Schauspieler für den Charakter aus Asien am Start, und schon der war schwierig genug zu finden. Eine Absage von ihm, würde eine Absage für das gesamte Projekt bedeuten.
So steht er also vor mir, ganz mitgenommen, und erklärt, dass es ihm sehr Leid tue, aber er keine Zeit habe für mein Projekt. Er hoffe, dass sich die zwei anderen Optionen, die ich habe, auch gut eignen. Andere zwei Optionen? Bitte, was? Ja, ihm habe man gesagt, dass zusammen mit ihm noch andere Schauspieler im Rennen seien. Mein Blick wandert zu meiner Casting Regisseurin. Sie erklärt mir, dass sie gegenüber dem Asiaten geblufft habe, und ihm fälschlicherweise mitteilte, dass er und noch zwei andere für die Rolle im Gespräch sind, quasi um das Projekt etwas rar zu machen.
Leider ein gänzlich missglückter Bluff.
Ich erkläre also dem Schauspieler mit Namen „Bo“, dass er unsere einzige Hoffnung sei. Er willigt ein uns anstelle von 3 Drehtagen, 1.5 zur Verfügung zu stehen.

Scene

Das rettet zwar das Projekt, macht aber unsere Leben noch um einiges komplizierter. Konkret bedeutet das nämlich, dass wir in den ersten Tagen alle Szenen mit Bo im Kasten haben müssen. Und sollten wir etwas vergessen, wäre das verheerend. Eine Herausforderung für meine Assistenten, dem die Planung der abzudrehenden Szenen zugeteilt ist. Tage verbringen wir damit, alle Kameraeinstellungen auf einem Plan einzuzeichnen und vorzubereiten.

Shotlist

Immerhin, die Schauspieler sind einigermassen parat.
Schauspieler – Check!
Eine wichtiger Punkt weniger auf der „zu tun“-Liste.

Und wie steht es um das riesig grosse Gemälde? Nun, ein Künstler ist nicht gefunden, wir werden es wohl drucken müssen.

Und in dem Moment wird uns der Drehort gekündigt. Aus dem Nichts. Auch hier gilt, ohne Drehort keinen Dreh.
Notfallmässig mobilisiere ich alle uns zur Verfügung stehenden Kontakte, um eine neuen Ort zu finden. Ich schwinge mich auf meinen Fahrradsattel, durchquere Paris von “rive-droite” bis “rive-gauche” und klappere einige Lokalitäten ab. Zwei neue Optionen ergeben sich zum Glück sogleich. Eine davon nahezu perfekt, aber viel zu teuer, die andere ein Kompromiss, zu dem was ich mir eigentlich vorgestellt habe, aber zahlbar.
Die Crew nimmt mir die Entscheidung ab. Die Tonleute raufen sich die Haare, als wir die perfekte Location betreten. Löcher in der Decke, wodurch man Flieger-, sowie Strassenlärm kaum ausfiltrieren kann. Zudem hebt jedes Windstösschen das blecherne Dach etwas an und lässt es scheppern wie Steine in einer gerüttelten Konservendose. Sollte es am besagten Drehtag dazu auch noch regnen, würde mein Kurzfilm stumm ausfallen.
Die Kompromisslösung soll es sein. Die ist als Fotostudio gedacht und daher perfekt für uns ausgerüstet.
Drehort – Check!

Wir sind nun wenige Tage vor dem Drehstart und das Gemälde ist immer noch nicht bereit. Wenigstens sind wir schon etwas näher dran. In letzter Minute finden wir einen Künstler, der sich bereit erklärt, für uns ein riesiges Bild mit Drachen zu malen. Es sollte gerade just vor dem Shoot fertig sein.

Die paar Tage vor dem eigentlichen Startschuss sind vollends den Proben mit den Schauspielern gewidmet. Da so kurz vor dem Dreh, gelingt es mir leider nicht, es so zu koordinieren, dass ich mit allen 3 Schauspielern gleichzeitig üben kann. Gerade bei dem Jungen und dem Mädchen wäre das noch essentiell gewesen. Diese werden erst kurz vor Beginn zum ersten mal aufeinander treffen. Alles was mir übrig bleibt, ist zu hoffen, dass die Beziehung vor der Kamera und durch die Linse hindurch harmoniert.

Irgendeinmal verkündet Bo, dass er nun nur noch 1 Drehtag mit uns sein kann. Aus den Ohren meines Assistenten fängt es an zu qualmen, als wäre was innen drin explodiert. Aber wir haben es bis hierhin geschafft, und wir werden auch das noch hinkriegen.

Und siehe da, trotz einem halben Tag Verspätung, kriegen wir ein enormes Gemälde mit drei Drachen drauf geliefert.
Set Design: check

Dragon

Und dann ist es soweit, der Tag ist gekommen. Ich erwache am morgen zum ersten mal als Regisseur.
22 Leute stehen in der Früh parat, um an meinem Film zu arbeiten. Ein spezielles Gefühl, dass auch einen gewissen Druck ausübt. Ich will das Team schliesslich nicht enttäuschen.
Doch der Vermieter des Drehortes enttäuscht uns. Er verpennt. Ohne Scheiss! Und das am einzigen Tag, wo Bo mit uns ist. Konkret heisst das, noch weniger Zeit mit ihm auf dem Set. Zum Glück ist das Team sensationell ambitioniert und jeder weiss haargenau, was er tun muss und tut dies auch in einer beeindruckenden Geschwindigkeit und Professionalität.
Der einzige der uns kopfzerbrechen bereitet ist Bo selbst. Der hatte in der Nacht zuvor einen Shoot und taucht bei uns mit nur wenigen Stunden Schlaf auf. Etliche male vergisst er seinen Dialog, was zwar witzig und zur allgemeinen Auflockerung dient, aber uns sehr in Verzug bringt.
Irgendeinmal, wo nur noch eine Szene zu drehen übrig ist mit ihm, sagt er mir, dass er wirklich langsam gehen müsse. Ich hole noch ein paar letzte Minuten raus. Aber nur gerade so viel, dass wir eine Chance haben, um eine anständige Szene abzufilmen. Und tatsächlich, uns gelingt ein guter letzter „Take“ und können den Tag erfolgreich abschliessen.
Ich bin bereits fladen, wie der frisch geknetete Teig des Bäckers.

In meinen Träumen bastle ich bereits die Szenen zusammen und kriege Zweifel, ob es auch tatsächlich alles funktioniert. Die darauffolgenden Nächte, sollten sich alle ähnlich gestalten. Vor meinem inneren Auge sehe ich nur noch meinen Film in einer endlosschleife abspielen.
Die Tage verfliegen nur so. Kaum eine ruhige Minute gibt es. Als Regisseur ist man der Mittelpunkt einer riesig, grossen Fragerunde. Mein Job besteht zu einem Grossteil daraus, zu sagen: das mag ich, das mag ich nicht, und zwar deshalb und darum. Die Konzentration läuft dadurch stetig im „Overdrive“ und irgendeinmal sind mir nichts, dir nichts 10 Stunden wie Wasser in der Sonne verdunstet.
Doch die Arbeit geht gut voran. Speziell viel Freude bereiten mir die Schauspieler. Eine Freude ist es mitanzuschauen, wie sie sich entwickeln und mehr und mehr zu den Charakteren werden, die sie verkörpern.

Am letzten Tag haben wir ein paar Special Effects am Set geplant. Einer davon beinhaltet ein Feuerchen zu machen. Dummerweise kommt gerade da ein Professor zu Besuch und schaut uns über die Schulter. Da die Schule speziell erpicht darauf ist, alles im sicheren Rahmen zu halten, müssen wir den Versuch kurzerhand streichen.
Flexibilität ist generell eines der ganz gross geschriebenen Worte. So müssen wir zum Beispiel auch die Schlussszene ändern. Und zwar aus dem scheinbar banalen Grund, dass die Türe zum Badezimmer, wo die Szenen stattfindet, sich gegen innen, statt gegen aussen öffnet! Ein massgebendes Detail, wenn es für den Charakter vorgesehen ist, aus einem gewissen Winkel aus der Tür zu spähen, was durch diesen Umstand unmöglich geworden ist. Während das Kamerateam das Licht aufstellt, wird die Szene entsprechend angepasst und es geht nahtlos weiter.

Und zu guter Letzt, weil es für den Film so vorgesehen ist, zerstören wir unser schönes Set. In das grosse Gemälde brennen wir, natürlich draussen wo es sicher ist, ein Loch. Sollte der Künstler, der es gemalt hat, davon erfahren, würde er wahrscheinlich ein Tränchen verdrücken… haben wir auch fast.
Und dann heisst es doch tatsächlich schon „Action“ für die letzte Szene. Und die letzte Hürde kommt gleich mit ihr. Der Schauspieler, dem wir was eingeschmiert haben, das der Effekt von Schweiss haben sollte, zeigt eine allergische Reaktion auf dieses Make-up. Er fängt an einen übel aussehenden Ausschlag zu kriegen. Ausgerechnet die letzte Szene ist noch kompliziert und erfordert mehrere Versuche. Nach jedem „Cut“ eile ich zum Schauspieler, um mich zu vergewissern, dass er noch einen Versuch schafft. Er sieht kaputt aus mit seinem Ausschlag und den geröteten Augen. Eigentlich perfekt für seinen Charakter. Als ich ihm das auch sage und ihm aufmunternd auf die Schultern klopfe, ringt er sich nur knapp ein Lächeln ab.

Und so schnell wie die Tage gekommen sind, sind sie auch schon wieder vorbei. Drei Drehtage durch. Drei Tage, zusammen mit den vorangegangenen Wochen, die es in sich hatten. Eine sensationelle Erfahrung. Klar, es ist noch nicht vorbei. Jetzt fängt die Arbeit im Schneideraum erst an und es wird sich zeigen, ob der Film auch funktioniert oder nicht. Dann nimmt sich noch ein Ton-Designer dem Projekt an, Visual Effect werden hinzugefügt und irgendwann wird auch noch noch an den Farben rumgeschraubt. Ein ganzes Stück Arbeit also.
Trotzdem, es ist anzunehmen, dass die Zeit auf dem Set das Highlight war. Eine Teamarbeit, die seinesgleichen sucht. Jeder war wirklich mit Herz und Seele dabei und das sind wohl die wichtigsten Zutaten für einen Film.

Fiery Gaze Team

1 Comments:
  1. ich bin meeega gespannt auf den Film!

    Corinne · May 28, 2014

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