Das Leben in HD

marco · October 16, 2011 · Beijing · 2 comments

“Herr Tschuy, wir brauchen eine Brille!” hat es bei Fielmann geheissen.
Mehr aus Neugier habe ich mich in der Schweiz einem Sehtest gewidmet. Mit Verlusten muss man rechnen, so habe ich auch bei meiner Sehstärke gedacht. Doch dass es gleich heissen würde “Herr Tschuy, wir brauchen eine Brille!”, damit habe ich nicht gerechnet.
Beleidigt über diese unerfreuliche Neuigkeit, liess ich mir aber diese Gläser aus Protest nicht im Fielmann selbst anfertigen. Ich packte lediglich die gemessenen Daten ein und liess meine neue Sehhilfe in Beijing produzieren.
Der Moment kam, wo ich mir diese Brille zum ersten mal aufsetzte.
Das Gefühl war wie jenes auf einem schwankenden Boot zu Beginn. Ich spazierte durch die Einkaufsmeile “The village” und versuchte ganz normal den einen Schritt vor den anderen zu setzen.
Im Center dann, der aussieht wie ein kleiner Bundesplatz, verharrte ich und beobachtete. Und da war er, der hochauflösende Moment. Ich fühlte mich wie in einem Dokumentarfilm auf der IMAX Leinwand in HD Qualität. Die kantige Schärfe der Umgebung war unfassbar.

Ich hatte mich also an die Brille gewöhnt und spazierte, mit den Augen eines kleines Kindes für das alles ganz neu ist, nach Hause. Jedes Blättchen von den verstaubten Büschen stach hervor, die Autos schienen näher an mir vorbei zu flitzen, jede vergessene Bartstoppel von vorbei laufenden Passanten konnte ich ausmachen und auf der Brücke über die verstopfe Ringstrasse, erkannte ich bis zum Horizont jedes Nummernschild.
Ich übertreibe natürlich, denn blind bin ich auch ohne Brille nicht. Minus 0.5 und minus 1.5 die Analyse.
Er hat es also nur gut gemeint mit mir, dieser Fielmann.

Auch gut gemeint mit uns haben es die Balletttänzer vom berühmt, berüchtigten “Ballet Béjart”. Diese sind zur Zeit auf Asien Tournee und beehrten uns auch in Beijing.
Grund genug für uns dem “National Center of Performing Arts”, oder eben dem “Egg”, mal wieder einen Besuch abzustatten.
Angefangen hat es nicht so gut. Nicht das Ballet, aber unsere Reise dorthin. Nach dem ersten Raclette der Saison, dass sich zelebrierend in die Länge gezogen hatte, und wir darauf noch im stockenden Kolonnenverkehr stehenblieben, hat es danach ausgesehen, als würde der Festtanz ohne uns beginnen. Nach einem spontanen Umstieg auf die U-Bahn, einem hundert Meter Lauf in High-Heels und einer Ehrenrunde zum falschen Eingang des Konzertsaals, betraten wir den Raum auf den Start-Gong. Mit dem wir uns hinsetzten, dimmte sich auch das Licht. Auf die Sekunde, wortwörtlich.
Als erstes Ballet, dass ich Live zu Gesicht bekommen sollte, wusste ich nicht was mich erwartete. Bilder von Helden in Strumpfhosen schossen durch meinen Kopf.
Doch das Bild, dass mir gezeigt wurde, war ein ganz anderes. Okay, es gab da eine Szene in Strumpfhosen, aber auch die war, wie der ganze Rest der Vorführung, atemberaubend. Meine lädierten Augen, konnten sich an dem Tanz der 40-köpfigen Truppe nicht satt sehen. Beim Anblick der von oben bis unten durchtrainierten Körper der Männer stellte sich zwar ein kleiner Komplex bei mir ein, dieser ging jedoch beim anschliessenden vom Botschafter organisierten Apéro, mit den Tänzer samt Crew, gleich wieder verloren.
Die Stars der Bühne stiessen mit uns nach ihrem Auftritt, auf ihren Auftritt an. Und wo sie im Rampenlicht noch massig und gross gewirkt haben, waren die Mehrheit dieser Tänzer kleine Gestalten, die mir gerade mal bis zur Schulter gereicht haben. Was auf der Bühne noch knackig aussah, war plötzlich nur noch knusprig.

Nichtsdestotrotz, das Ballet war sensationell und unglaublich schön. Wo man bei der Beschreibung von einer experimenteller Aufführung noch Angst haben könnte, wurde zu einem Spektakel, dass seinesgleichen sucht. Und als zum Schluss noch die original Interpretation von Béjarts Bolero vorgeführt wurde, die ein Bühnenbild präsentierte, dass in Sachen Ästhetik kaum zu übertreffen war, konnten sich nicht einmal die Chinesen zurückhalten und feuerten die über die Bühne wirbelnden Tänzer euphorisch an.
Das Ballett in einer Form, die ich bestimmt nicht zum letzten Mal so gesehen haben möchte. Eine Erkenntnis, die ich ganz ohne Brille, gestochen scharf in HD erlangt habe.

2 Comments:
  1. Herr Tschuy, seit wann tragen Sie High-Heels?

    Löni aus U. · October 16, 2011
  2. T’es moche !!!! :-)) mais non… t’est juste pas beau 🙂

    alain · October 26, 2011

Leave a Comment!

Your email address will not be published. Required fields are marked *