Das Leben im Kino

marco · November 30, 2012 · Chineese Culture · 2 comments

Ich hätte kaum erwartet, dass für mich eins der intensivsten, soziokulturellen Erlebnissen in China, an meinem Lieblingsort stattfinden würde: im Kino.
Auf dem Program stand der neue Film von Ang Lee: Life of Pi.
Das Buch habe ich geliebt. In der Vorproduktion zum Film musste ich aber ein paar mal Bibern, wem die Rolle des Regisseurs zugetragen werden sollte (M. Night Shiamalan, bitte was?!?!?), und schlussendlich schaute ich etwas nüchtern auf die Entwicklung des Filmes.
Nun war es aber soweit, der Film lief an und dass er auch in China gross angepriesen wurde, erstaunt nicht. Ang Lee wird gross gefeiert hier zu Lande. Dass er eigentlich aus Taiwan stammt, ist ein Detail.

Der Andrang beim Kino in Shanghai ist entsprechend gross. Eine lange Schlange führt zur Kasse. Beim anstehen für Tickets, kommt ein schmuddeliger Verkäufer auf uns zu und hält uns ein Programm vors Gesicht. Scheinbar kann er noch Tickets, für die mehrheitlich ausverkauften Vorstellungen besorgen. Sehr schön. Ganz wie Touri-anfänger bezahlen wir beinahe das Doppelte für unsere Kinotickets, jedoch ohne Anstehen und mit einigermassen guten Plätzen. Dafür verzichten wir aufs Popcorn, da gibt es sowieso nur übersüss, karamellisierte.

In China fangen die Filme etwa 5 Minuten vor dem eigentlichen Vorstellungsbeginn an. Wir begeben uns also zirka 15 Minuten vorher in den Kinosaal. Wir sind quasi die Letzten. Der Saal ist bumsvoll. Das mag jetzt nach viel klingen, aber so ein kleiner Kinosaal habe ich in Bern vielleicht zuletzt im City2 gesehen. Da erstaunt es wenig, dass bei der Millionenmetropole schnell mal alle Stühle besetzt sind.

Es stinkt bereits wie bei einem Pick-Nick im Zoo.
Movie-Trailers gibt es keine, aber Werbung. Es wird ein Gratisklingelton angepriesen, 10 Sekunden später hat die Chinesin neben mir den schon heruntergeladen und testet ihn bei voller Lautstärke.
Auch der Lautstärken-Pegel des Kinos geht plötzlich markant nach oben. Ein Drache fliegt hinein und preist das „Bureau of Ministry for Film, Drama and Beijing Opera“ an. Irgendsowas. Jedenfalls die, die dafür sorgen, dass der Film, bevor er dem chinesischen Publikum vorgeführt wird, entsprechend zugeschnitten ist. In meinen Ohren säuselt es bereits.
Der Film fängt, und der Lärmpegel des Publikums hält an. Während den Dialogen verstehe ich nicht viel, sondern höre nur das Knistern von MacDonalds-tüten, das Rascheln von Popcorn und das Schlürfen von Cola.
Nach den lauten Szenen ist meist kurz Ruhe, bevor die Nebengeräusche des Publikums wieder zunehmen. Allerdings, vielleicht sind es auch nur meine Ohren, die aus ihrer Taubheit wieder erwachen.
Ein paar Kinder haben entdeckt, dass wenn sie die Hände hochrecken, man das Schattenspiel auf der Leinwand sieht. Von da an sehen wir die Hände des Öfteren.
Telefone klingeln regelmässig, die meisten Anrufe werden entgegen genommen. „ich bin gerade im Kino. JA, IM KINO!!! LIFE OF PI!!! ER HAT GERADE ERST ANGEFANGEN! ICH RUF DICH SPÄTER ZURÜCK… SPÄTER, ICH RUF DICH SPÄÄÄÄTER ZURÜCK!“ Danach tippen sie dasselbe nochmals in einer Nachricht.
Es wird heiss im Kino. Die grosse Masse heizt auf. Mittlerweile stinkt es wie auf dem Markt in einer Nebenstrasse von Beijing.
Nach etwa zwei-Drittel des Filmes wird es etwas ruhiger. Die Mehrheit scheint fertig gespeist zu haben. Doch wenn sie nicht essen, dann reden sie.
Irgendwo weint ein Säugling.
Das Ende des Filmes naht. Die ersten Zuschauer gehen bereits.
Noch vor dem Abspann kommt einer vom Kinopersonal und verkündet „DER FILM IST JETZT FERTIG! GEBT DIE 3D BRILLEN ZURÜCK!“
Beim Aufstehen fasse ich aus Versehen in die Bananenschale, die mein Nachbar in den Getränkehalter gestopft hat.

Draussen überquellen die Mülleimer. Mich überkommt Mitleid, wenn ich mit anschauen muss, wie die Putzfrau gerade daran ist, die zu leeren. Vergebens, denn sie will den Mülleimer gar nicht leeren, sondern nur herrichten, damit er nicht gleich zusammenfällt und später jemand anderes ihn leeren kann.

Wir fühlten uns etwas im falschen Film.
Aber der Film war der richtige, und auch richtig gut. Das, trotz den kulturell unterschiedlichen Ansicht, wie man einen Film geniesst. Irgendeinmal schaue ich ihn dann zu Hause nochmals in aller Ruhe, zusammen mit gesalzenen Popcorn.

2 Comments:
  1. Toller Beitrag – extrem spannend und unterhaltsam zu lesen!

    Ich glaube, ich schaue mir diesen Film bei Gelegenenheit doch noch an. Ich habe das Buch auch sehr geliebt. Und der Vorfilm hat so gar nicht zu meinen Bildern im Kopf gepasst. Aber wenn du sagst, der Film sei gut – oder auf jeden Fall der Teil, den du mitbekommen hast – dann ist der Film auch gut. Garantiert 🙂

    Herzliche Grüsse aus der eisig kalten Schweiz

    Corinne · December 01, 2012
  2. Gracias por tu blog, muy emocionante.

    Anonymous · May 26, 2014

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