Das Gebrüll des Tigers

marco · February 17, 2010 · Allgemein · 1 comments

Dumpf hört man sie in der Ferne.
Währenddem ich diese Zeilen schreiben sind sie immernoch deutlich zu hören, die Feuerwerksraketen.

Eines muss ich hier in Beijing noch lernen. Ich muss lernen in Superlativen zu denken. Und ich muss lernen, dass wenn mir jemand erzählt der schon ein paar Jährchen in Beijing lebt, Neujahr sei wie Krieg, dass diese erfahrenen Bewohner nicht übertreiben.

Chinese New Year IST wie Krieg!

Das ganze dauert ja auch jetzt noch ein paar Tage an, aber quasi der Hauptknall war vom letzten Samstag auf Sonntag.
Wir wollten natürlich spüren wie es tut und machten uns gegen Mitternacht auf ins Stadtzentrum. Per Taxi, was zu diesem Zeitpunkt eine absolute Rarität war.
Schon auf dem Weg in die Stadt fuhren wir an unglaublichen Szenen vorbei. Inmitten von 10 Stockwerk hohen Wohnblocks wurde Feuerwerk gezündet.
Und jetzt müssen wir mal Feuerwerk etwas genauer definieren.
Also als erstes, vergesst das schweizer Zeugs vom 1. August. Das würden die Chinesen nicht einmal in ihrem Schlafzimmer zünden. Die erste Devise lautet, umso lauter, desto besser!
Zweite Devise, ists billig, gibts mehr, also wird nur die billig hergstellte, unzuverlässige Knallmarchandise gekauft.
Und genau diese wird dann zwischen den Wohnblocks abgefeuert.
Aber was sag ich da, zwischen den Wohnblocks ist ja geradezu sicher, im Vergleich zu all den anderen Abfeuerstellen.

Auf der 4 spurigen Schnellstrasse wurde auf uns geschossen! Wir Touristen natürlich schwer beeindruckt und auch ein wenig verängstigt. Würde man nicht wissen, dass ein Feiertag ist und einfach so aus dem Frieden nichtsahnend zur Neujahrfeier in China ankommen, man würde das Land entweder schnurstracks wieder verlassen und beim EDA eine Reklammation platzieren, weshalb auf der Länderempfehlungsliste China als sicher eingestuft wird, oder man würde die illegal importiere Knarre mal entsichern.
Der Taxifahrer hingegen nahm das alles sehr gelassen. Zwischendurch huschte sogar ein Lächeln über sein Gesicht, speziell dann wenn ein besonders lautes Teil in unmittelbarer Nähe in die Luft ging, oder er gar über soeben gezündeten Dynamit fahren durfte.

Heil beim Hohai-Gebiet angekommen, paar Minuten vor Zwölf.
Der Lärm war bereits da Ohrenbetäubend. Doch es kam schlimmer. Punkt Zwölf wurde aus Lärm Krach, Tinitus-heraufbeschwörender Krach. Überall, 360 Grad um uns herum wurde ALLES gezündet was China zu bieten hatte.


Ich hab ja die Weisheit nicht mit Löffeln gelöffelt und es wirkt komisch wenn ich junger Schnösel sage, so etwas habe ich in meinem ganzen 26,5 andauernden Leben noch nie gesehen.
Doch es ist so, so etwas habe ich wirklich “miner läbtig no niä gseh”!!!

Die verbale Verständigung wurde unmöglich. Rechts von uns wurde ein Zuckerstock gezündet. Aber neinnein, nicht so ein gemütliches Ding für Kinder ab 4 Jahren, oh nein, ein lauter Knallzuckerstock, der mindestens 10 Stockwerke in die Höhe schoss.
Vor uns entflammte eine Feuerwerkskiste, welche so gross war wie 4 10er Gascho-Bier aufeinander gestelllt.
Links von uns Raketen, welche die gewünschte Höhe nicht ganz erreichten und noch so halb glühend auf uns herunterfielen.
Und auf dem See wurde ebenfalls wildes Geböllere lanciert, allerdings meist in der horizontalen, statt in der vertikalen und einer der Feuermeister brach zu einem Zeitpunkt gar durch das Eis und landete im Wasser, konnte aber glücklicherweise heil geborgen werden.

Und von wegen Sicherheitsabstand, wo man bei Feuerwerk made in Swisölän’ dank der langen Zündschnur gemütlich Zeit hat um im Spaziergang auf 10 Meter Distanz zu kommen, reicht es in China bei vollem Spurt vielleicht für 2 Meter. Aber spielt ja eigentlich auch keine Rolle, denn bei so vielen Leuten gibt es sowieso keine Chance, dass im Umkreis von 2 Meter niemand steht.
Was solls, Augen zu und zünden.

Als uns die Rohre regelrecht um die Ohren flogen, entschieden wir uns dafür in einer Bar ein wenig Sicherheit und Scheiben zwischen uns und Bagdad zu suchen.
Obwohl es jährlich viele gibt, haben wir zum Glück keine Unfälle gesehen. Am meisten gelitten hat wohl einmal mehr die Atmosphäre. Nicht auszumalen ist die grobe Verpestung der Luft durch all das Schwarzpulver und den Schwefel.


Und das was einmal Feuerwerk war, dass wird sowieso einfach zurück gelassen. Irgendeiner räumts dann schon weg.

Nach diesem unvergesslichen Erlebnis habe ich mich jedenfalls entschieden, der Unwelt und meinen Ohren zu liebe, den als Geschenk erhaltenen “Thönder” noch etwas ruhen zu lassen.

In dem Sinne, WELCOME TO THE YEAR OF THE TIGER!
Der Tiger hat sich eingebrüllt, und zwar mächtig.

PS: Ihr denkt ich übertreibe? Ihr glaubt mir nicht?
Euch sei vergeben, ich hätte es mir auch nicht vorstellen können.
Aber wir haben es gefilmt. Film folgt, nur auf diesem Blog versteht sich (und auf Facebook)…

1 Comments:
  1. i gloub di chinesischi regierig macht ds äxtra…irgendwo muesch ja dr chriegsfau treniärä!!! Hesch sicher no es paar militärbursche gseh am bode umechrüche:-) Sorry we itz de di blog gschtriche wird….

    Samuel · February 18, 2010

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