Bock auf Istanbul

marco · April 08, 2014 · Travel · 0 comments

Wir hatten richtig Bock auf Reisen. Bock den Kopf zu lüften. Und so bekamen wir Bock auf Istanbul. Was wir aber nicht erwartet haben ist, dass Istanbul auch Bock auf uns hat. Aber das sollten wir es im Verlauf der Geschichte merken.

Wir sind ja eigentlich keine Anfänger, was das Reisen betrifft. Trotzdem werden wir gleich nach unserer Ankunft in der Türkei prompt abgezockt. Der Taximeter unseres Gefährts macht anstelle von gemütlichen Schritten aufwärts in Rappen, weltmeisterhafte Sprünge in Franken. Und schlussendlich stellt er uns nicht einmal dahin, wo wir gerne möchten. Der Ferienstart also nur halb geglückt. Und es soll nicht das einzige Mal bleiben, dass wir auf die Türken reinfallen.

Mit den modernen Metropolen Asiens in Erinnerung, und den pompösen Altstädten Europas gegenwärtig, werden wir aber schnell von der märchenhaften Skyline der Stadt Istanbul überwältigt. Anstelle von gigantischen Hochhäusern, ragen aus den tief gelegenen Häuser überall die Türmchen der unzähligen Moscheen heraus. Ein einzigartiger Anblick, wie aus den Büchern von Tausendundeiner Nacht.

Die spitzen Türme sind schön anzusehen, aber man hört sie auch ganz gut. Wir haben so ein Teil direkt vor unserer Haustür und es beschert uns jeden Tag, noch bevor der Gockel aus den Federn ist, ein Ständchen.

Duo

Rechts das “Duo” unser Hotel und links der Wecker. Zum Glück ist der Mensch ein Gewohnheitstier und irgendeinmal hört man die Geschichte von Alaah nicht mehr.

Von unserem Bezirk Beyoglu laufen wir über die Galata Brücke Richtung Sultanahmet, als wir zum zweiten Mal überlistet werden. Wir sind dabei den vielen Fischern zuzuschauen, wie sie geduldig ihre Ruten ins Wasser halten und warten, bis eines der mehrheitlich kleinen Fischchen anbeisst. Und da passiert es. Ein älterer Herr, ausgerüstete zum Schuhputzer, verliert just vor mir sein Beselchen. Als gut erzogener Bursche, hebe ich ihm dieses Beselchen natürlich sofort auf. Er bedankt sich höfflich und bietet mir sogleich an, meine Schuhe zu putzen. Ich, in der Annahme er mache das, um sich bei mir zu bedanken, halte meine Schuhe ohne gross zu überlegen hin. Als er dann auch noch anfängt Sarah’s Schuhe zu polieren, werde ich doch misstrauisch. Sollte sich aus bestätigen. Wir stehen also da, mit einem blitzeblanken Schuhwerk und der kümmerliche Herr, der auch noch an Herzproblemen leidet, wie er uns erzählt, will natürlich Geld. Sehr schön. Ein weiteres Mal wird unser Portmonnaie etwas unfreiwillig leichter. So schnell hebe ich keinem mehr sein Beselchen auf.

Per Tram, dass man mit Jeton’s wie vom Kaugummiautomaten besteigt, kommen wir im Quartier von Sultanahmet an. Eine magische Kulisse an Moscheen, der Aya Sofia, sowie der blauen Moschee, erstreckt sich vor uns. Und von Innen sind die gigantischen Moscheen genau so zauberhaft, wie von Aussen. Enorme Kuppeln erstrecken sich in die Höhe, geziert aus farbigen Plätchen und riesigen herunterhängenden Leuchtern. Einer der grössten davon hängt aber von der Kuppel des Dolmabahce Palasts. Satte 4.5 Tonnen wiegt das Teil und seine über 700 Lämpchen werden nur bei Staatsbesuch angezündet.
Der Dolmabahce an sich erinnert jedoch eher an Versaille:

versaille

Per Zufall laufen wir ein paar mal an die Moscheen hin, wo gerade Gebetsstunde ist. Eindrücklich ist es mit anzuschauen, wie sich dieses Ritual abspielt. Noch imposanter ist es, dieses Schauspiel am Abend, unter einem sternenklaren Himmel, mit dem beleuchteten, märchenhaften “Schloss” vor einem, mitzuerleben. Der Gesang hallt von den Wänden ab und dringt regelrecht in einem ein.

Blue Mosque

Nicht weit von diesem doch etwas touristischen Gebiet, finden wir uns plötzlich in den “Basilica Cistern” wieder. Dieser unterirdische Wassertank diente schon etlichen Filmen als Kulisse, was nicht weiter verwundert. Mit den hunderten Pfeilern, die kalt in dem schwarzen Wasser stehen, worin sich noch fette Fische tummeln, regt die Atmosphäre locker zu phantasieren an. Man erinnert sich leicht an die Szenen der Minen von Moria. Wenn man dann etwas weiter hinten, dort wo die Fotoblitze der asiatischen Tourgruppen wild am aufleuchten sind, noch auf die Köpfe der mysteriösen Medusen trifft, ist man endgültig im Bann dieses Wassertempels.

Auch mit Pfeilern schön anzusehen ist das Gebäude, worin sich der Bazaar befindet. Mit Ausnahme von Wunderlampen und Teppichen unterscheidet sich dieser jedoch nicht gross von den asiatischen Anlagen. Was jedoch der Türkei allgemein noch eine spezielle Würze verleiht, ist die Sprache. Ich glaube ernsthaft, dass hier der Umlaut erfunden wurde. Da findet man kaum ein Wort, dass kein “ü” beherbergt. Dabei schämen sie sich auch nicht, Wörter zu adaptieren und einfach noch ein paar Tüpfelchen über den Buchstaben rein zuknallen. Selbsterklärend dafür ist zum Beispiel der “Kuaför”, der mit seinen Scheren herumfuchtelt. Oder in unserem Hotel besteigen wir stets den “Asansör”, um zu unserem Stock zu gelangen.

asansör

Eines der wenigen Wörter ohne Umlaut ist wohl “Prosit” auf Türkisch. Als wir nach unserem türkischen Essen das Nationalgesöff “Raki” offeriert bekommen, bringt uns der Kellner dieses Wort bei. Dabei betont er lautstark jede Silbe:
SHE – RE- FE
Prosit, ich meine SHE-RE-FE also. Raki, das natürlich alkoholische Getränk, erinnerte mich dabei etwas an Absynth. Hat auch etwa die gleich Farbe.
Das türkische Essen jedoch sonst sehr einzigartig. Unser klarer Favorit hierbei, all die verschiedenen “Meze’s”. Dies die kalten Vorspeisen, die man in den lokalen Restaurants stets von der frischen Vitrine aussuchen kann. Von Hummus bis Aubergine, oft gemischt mit irgendwelchem Joghurt, perfekt.

Als Snack für unterwegs greifen wir zwischendurch nach den türkischen Brezeln, die an jeder Strassenecke angeboten werden. Dazu ein klassisch, türkisches Tee und die Aussicht geniessen. So jedenfalls machen wir das nach unserer Fährentour das Golden Horn hinauf, bis zum Pierre Lotti Cafe auf dem Hügel “Eyüp”.

Tee

Aber eben, der Bock.
Womit wir uns gar nicht anfreunden können ist der Bock, der Istanbul für uns parat hat. Was man wirklich überall findet in der Stadt ist Kebab. Ich liebe Kebab. Aber in der Türkei kann ich das Zeug nicht essen. Da riecht das Fleisch so richtig nach Tier. Eben, es böckelt brutal. Verwirrenderweise das Lamm, sowie auch das Vieh. Auch egal ob edles Restaurant, oder Strassenbude. Der Bock ist stets präsent. Der Bock bockt einfach immer. Ob die Migros hier wohl auch bockiges Fleisch verkauft?
Migros?
Ja richtig, in der Türkei gibt es tatsächlich Migros.

Migros

Wie ich nun recherchiere, gehörte die türkische Migros tatsächlich bis in die 70er Jahre zur schweizerischen Migros, bevor sie dann unabhängig wurde. Der Name durfte sie aber behalten, einzig das i-Püntchen im Logo macht einen Unterschied zur helvetischen Version.

Auch mit helvetischen Standards mithalten können die türkischen Museen. Obwohl teilweise sehr abstrakt, präsentiert sich das “Istanbul Modern” mit kontemporärer, anschaulicher Kunst. Da haben wir zuerst andere Erfahrungen machen müssen, in sogenannt modernen Museen der Galata Reihe im Beyoglu Quartier. Dort gab es teilweise so komisches Zeug, wie ein Paar, dass nicht aufhört sich anzuschreien, bis einer aufgibt. Da frag ich mich schon, wenn dieses Werk es schafft ausgestellt zu werden, dann sollte ich doch auch in der Lage sein, meine Werke zu publizieren.

Besser als jedes Museum ist es dann aber trotzdem einfach durch die Gässchen der Stadt zu schlendern. Da spielen ein paar alte Herren Backgammon, da rauchen ein paar Junge (und Alte) ihre Shishas, und dort spaziert die Grossmutter im Kopftuch mit ihren Freundinnen. Da riecht man zwischendurch mal wieder den Bock und hört den Gesang aus den Moscheen.

Beenden tun wir die Reise, wie sie angefangen hat. Mit einem Erlebnis im Taxi. Diesmal werden wir aber nicht abgezockt, und kriegen nichtsdestotrotz was geboten. Unser Taxifahrer ist ein sehr aufgestellter und wenn er nicht gerade am Telefon ist, überholt er auf der Autobahn die stehende Kolonne über die Ausfahrt. Dabei dreht er die Musik ohrenbetäubend laut auf und hüpft auf seinem Sitz hin und her und schreit dazu: “Türkye! Türkye!”

Mit drei Küsschen von seiner haarig, stachligen Backe verabschieden wir uns von diesem türkischen Reise-Interval.
In dem Sinne: Bis bald! Oder mit ein paar Umlauten mehr im Wort dann halt:
Gürüsürüz!

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