Unter Konstruktion

by marco· October 30, 2012· in Beijing· 1 comments tags: Baustelle, Four Seasons, Lärm
BÄM! Was ich jeweils als Exklamationswort benutze, um die Dramaturgie des Textes aufzuwerten, kommt jetzt plötzlich in einem anderen Kontext daher. Nämlich für das, was es auch wirklich steht. Allerdings wäre es in diesem Fall eher BÄM! BÄM! BÄM! BÄM! Und das noch mitten in der Nacht. Satte 3 Jahre und 3 Monate verweile ich nun bereits in Peking. Etliche Kollegen habe ich kommen und gehen sehen, tausende uns Regen bescherende Wetterraketen hörte ich am Himmel explodieren, und Millionen von Chinesen spuckten mir vor die Füsse. Nebst all diesen Konstanten hat mich noch was anderes über all die Jahre hinweg tapfer und treu begleitet: Die Baustelle vor meiner Wohnung. Chronologisch gehen wir voran: Als ich meine eigenen vier Wände beziehe und einen skeptischen Blick auf die vier halbfertigen, hohen Türme mir gegenüber werfe, erklärt mir der Vermieter, dass das Gebäude seit Jahren leer steht und nichts weiter passieren würde. Der Investor des geplanten Hotels ging pleite. Aus, fertig. Paar Wochen nachdem ich eingezogen bin, kriegt die Geisterstadt einen neuen Geldgeber und die Baustelle wird zum Leben erweckt. Über die Jahre hinweg beobachte ich auf der Baustelle einiges an Treiben. Ich bin zwar Laie, trotzdem wage ich hier zu behaupten, dass […]
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Wir packten gerade unsere Schweizer Fahne aus, und hielten unsere überaus stylischen schweizer Uhren zum Uhren-Vergleich zusammen, da stupst uns ein Chinese neben uns an: “I am “Fei de le” Fan too!” Wahrhaftig, das war er! Ein ganzer Champagner hatte er zur Feier auch gleich dabei und wollte mit uns anstossen. Letzte Woche fand das alljährige Tennis Master Turnier in Shanghai statt. Der Sieger sollte mit 1000 Punkten mehr auf seinem Konto nach Hause gehen, und somit gehört es der zweithöchsten Turnier Kategorie der ATP Tour an. Grund für alle die Rang und Namen im Tennis haben, zu kommen. Uns, natürlich, interessierte nur einer. Der King. Federer, oder auf chinesisch “Fei de le” (ausgesprochen, Fei dö lö). Und dieser King bescherte uns eine anstrengende Woche. Denn die Tickets für den Halbfinal-Tag hatten wir schon, nun musste es “Fei de le” nur noch bis dahin schaffen. Geschafft habe ich es aus nervlichen Gründen nicht, ein Spiel live anzuschauen. Und wo ich mal den Spielstand nachschauen wollte, wie eindeutig “Fei de le” diesmal den Stanislav nach Hause schicken würde, erlitt ich eine Herzrhythmusstörung. Nun denn, irgendeinmal war auch die Woche vorbei, und wir konnten uns getrost auf das Turniergelände bewegen. Ausgetragen werden […]
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Irasshaimase! Für den chinesischen 1. August gibt es ein paar Tage frei, und die ganze Milliarde an Einheimischen macht sich auf die Socken. Wir unsererseits entschieden uns für eine Abstecher in das Land, das zur Zeit kein Chinesen besuchen möchte. In das Land, das wohl Weltrekordhalter ist im “Danke schön”-sagen, und wo es aus jedem Geschäft oder Restaurant, das man betritt eben genau so klingt: Irasshaimase! Japan hatte uns wieder! Konkret, Tokio! Und jetzt hadere ich hier von meinem Blog herum, und weiss nicht wo anfangen. Auch wenn man in Asien seit Jahren umherwandert, und von sich selber das Gefühl hat “botztussig, jetzt habe ich aber schon was gesehen du!”, kommt man ins Land der aufgehenden Sonne, sieht man Dinge, die man noch nie zuvor gesehen hat. Angefangen tut es im spektakulär unspektakulären Hotelzimmer. Wären wir zwei Schuhe, würden wir perfekt in diese Schuhschachtel passen. Es ist sauber, irgendwie härzig, und doch mega klein. Auch klein ist die Whiskey-Bar, in die wir einkehren. Doch sie ebenfalls hält ihre Treue zu beeindrucken. Ohne die Hilfe unseres japanischen Kumpanen Kuni, hätten wir das Lokal im Untergrund aber auch nie gefunden. Hinter der Bar steht einer, der eher ausschaut wie ein Physiker, als […]
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Das Geschrei von einem Menschenauflauf reisst mich aus dem Schlaf. Ich bin mir gewohnt unsanft aus den Träumen gerissen zu werden, sei es von Baulärm, einem Amok gelaufenen Diebstahlalarm, oder einem Lastwagen, der sich an einem Wendemanöver das Getriebe schleisst. Diesmal aber ist der Lärm ganz anderer Natur. Er kommt von etwas, das nicht ganz typisch für China ist. Der Krach kommt von einer Menschenmasse, die sich auf die japanische Botschaft zubewegt. Eine Demonstration die mehr oder weniger vor meiner Haustür stattfindet. Zur Zeit ist nichts von Friede, Freude, Eierkuchen im Lande China. Der Disput mit Japan, wem denn nun die Diaoyu Inselgruppe zugehört, ist weitgehend ausgeartet. Aber eigentlich ist nur nichts von Friede und Freude. Der Eierkuchen klebt nämlich an der japanischen Botschaft in Peking. Diese ist von rohen Eier zugekleistert. Ich wage mich also hinaus, um dem Ursprung des Kraches auf die Sprünge zu kommen. Die etwa ein Kilometer lange Strasse vor dem Kempinski ist für Verkehr gänzlich gesperrt. Vor der Zufahrt zu meinem Gebäude stehen zirka 10 Polizisten. Über mir kreist ein immer wiederkehrender Helikopter. Das 3G Mobilfunknetz ist am Boden. Es herrschen ähnliche Gegebenheiten wie damals beim arabischen Frühling, wo die chinesische Regierung Angst hatte, ihr […]
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Tee gehört zu China, wie die Ovo zur Schweiz. Wir nehmen die Ovo in der Beiz zu uns, und die Chinesen ihren Tee im Teehaus. Allerdings haben diese hübschen Teehäusern den massigen Büro- und Hotelgebäuden zu weichen und man muss sie suchen, um noch welche zu finden. Da mein „Bruder auf Besuch“ mit Ovo wunderbar vertraut ist, nahmen wir die Hürde und machten uns auf ins Tee-Schlaraffenland. Die Suche führt, wie so oft in Beijing, durch Stau oder stockender Kolonnenverkehr. Die Blechlawine geht im Schritttempo voran. Nur zwischendurch überholt uns auf dem Pannenstreifen ein hupender Wagen der Luxusklasse. „Regierung?“, fragen wir und zeigen mit dem Finger auf den vorbeirauschenden Bonzenwagen. „Nein, Leute mit Geld“, meint der Taxifahrer. Aus der Stadt heraus wird es staubig und Menschenleer. Zwischen den Bäumen, versteckt vor der Sonne, halten die Taxifahrer ihren Mittagsschlaf. Ich nehme mein gescheites Telefon zur Hand und kläre ab, wo wir sind. Völlig ab vom Schuss! Unser Fahrer, nachdem er unser Zielort mal angerufen hat, fährt selbstbewusst weiter. Unser Punkt auf dem GPS entfernt sich immer weiter von der Zivilisation. Gerade als ich den Fahrer darauf Aufmerksam machen will, dass er doch mal einen Blick auf mein gescheites Telefon werfen soll, […]
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Das Signal zum Start erklingt. Die Flugbegleiterin versucht uns daran zu erinnern uns anzuschnallen, wird aber vom Turbinenlärm übertönt. Der Pilot gibt Vollgas. Der Film über die Sicherheitsvorschriften wird abgebrochen, und die Bildschirme versenken sich zeitgleich in der Decke, wie der Flieger abhebt. Manchmal geht es schnell mit der Inlandflügen-Fliegerei in China. Aber meistens eigentlich nicht. Wie so oft diese Tage bin ich fürs Wochenende unterwegs nach Shanghai. Ein Tapetenwechsel der anderen Art. Ich kann mich allerdings nicht mehr daran erinnern, wann zum letzten Mal ein Flieger pünktlich abgehoben ist. Anfangs erkundigte ich mich am Schalter noch, ob der Flug pünktlich sei. Die Palette an Fantasieantworten dabei jedoch beachtlich und an Akkurarität derart gleich Null, dass ich mir die Mühe nicht mehr mache. Sagen zum Beispiel die Schaltermenschen von sich aus nichts, dann ist der Flieger ziemlich sicher verspätet. Lautet die Antwort auf meine Frage, ob der Flieger pünktlich sei „ja“, ist er mit aller höchster Wahrscheinlichkeit verspätet. Geben die Angestellten von Anfang an zu, dass der Flieger verspätet ist, dann hat man die prognostizierte Verspätung auf jeden Fall noch zu verdoppeln. Und meine Lieblingsantwort ist die absolut typischste, chinesische Antwort die man in China kriegen kann. Die Chinesen, erpicht […]
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Letztes Wochenende war vom toten Fisch bis zu den Schnurrhaaren sehr chinesisch. Und angefangen hat alles es mit einer Katze. Nein, eigentlich nicht ganz richtig. Angefangen hat alles damit, dass man förmlich die Chemie im Wetter riechen konnte und wir eine Möglichkeiten suchten dem Labor zu trotzen. Man tut ja sonst nichts blöderes, und so landeten wir in irgendeinem Hinterquartier Pekings auf der Suche nach einem bestimmten Tierladen. Wir glaubten es selbst fast nicht, als wir unter uns anglotzenden, chinesischen Augen den auch tatsächlich fanden. Eingekerkert von Wohnblöcken an einem Ort in Peking, den wir wohl bei uns als Banlieu bezeichnen würden. Und da trafen wir ihn. Den Baron. Sein grimmiges Gesicht täuscht über seine Herzlichkeit hinweg und wir waren, obwohl eher um uns zu Beschäftigen und nicht aus Kauflust dort, versucht dieses heimatlose Findelkind sogleich als Andenken aus China mit nach Hause zu nehmen. Lange überlegten wir. Noch am Abend, im sehr der Rede wertem “Maison Boulud” gleich neben dem Platz des himmlischen Friedens, wägten wir ab, waren hin und her gerissen. Die Entscheidung lag uns schwer und wäre sie im Suff gefallen, dann hätte ich jetzt wohl einen Lord Baron von Kempinski als Mitbewohner. Doch die Vernunft hat, […]
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Peking unter

by marco· August 15, 2012· in Beijing· 0 comments tags: Regen, Überschwemmung, Wasser
Peking ist zur Zeit berühmt, für was es normalerweise nicht berühmt ist. Wasser. Und zwar von oben. Die Fluten habt ihr ja wahrscheinlich mitgekriegt. Vielleicht gar besser als ich. Zu jener Zeit war ich nämlich ausgeflogen. Aber scheinbar sah es tatsächlich so aus, als wäre Beijing dem Untergang bestimmt. Die Stadt war regelrecht am versinken. Die Mehrheit kam mit einem blauen Auge davon, andere wiederum wurden auf tragische Art und Weise von den Fluten verschluckt. Viele Autofahrer wurden bei den Unterführungen von den Wassermassen überrascht und ersäuften ungewollt ihren Motor. Manche dachten darauf, sie können das Unwetter im Auto einfach abwarten. Gar als sich dieses langsam anfing mit Wasser zu füllen, blieben sie weiterhin sitzen. Oft wurden solche Leute in letzter Minute durch eingeschlagene Scheiben von Passanten aus der Falle gefischt. So geschehen bei einem vollgestopften Bus. Für andere wiederum kam jegliche Hilfe leider zu spät. Häufig dabei das Problem also etwas, dass für uns völlig unvorstellbar ist. Eine Vielzahl der Chinesen sind Nicht-Schwimmer. Was uns schon in der Grundschule aufgezwängt und als lästig empfunden wird, ist in China kein grosses Thema. Schwimmen; für uns selbstverständlich, für die Chinesen eine Weiterbildung. Die vielen Opfer des Jahrhundertsturms hat natürlich auch die […]
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Nachdem uns die Übertragung vom Einmarsch der Schweizer an der Olympiade in London verweigert wurde, da die Meister des Fernsehsenders just in dieser Minute die Werbung einspielen mussten, fuhren wir fort, was wir angefangen hatten. Nach einer Woche Tauchen in Malaysia, ging es mit Rucksack weiter auf die Suche nach Erholung und Ruhe. Angefangen zu suchen haben wir in Port Dickson. Diese Hafenstadt, nicht all zu weit von Kuala Lumpur entfernt, ist ein beliebtes Reiseziel für Malays, die genau das gleiche suchten wie wir. Wir residierten bei Avilion. Was gut klingt, liess sich auch durchaus sehen. Allem voran die Freilichtdusche in unserem Zimmer, sowie die mehreren Pools, wo tatsächlich eins nur für Erwachsene reserviert war. Auf dem daneben gelegenen Tennisplatz trugen wir das wohl komischste Tennisspiel aus, das je gespielt wurde. In Port Dickson nämlich gibt es nicht nur menschliche, sondern auch tierische Gäste. In einem Streichelzoo tummeln sich nebst Hasen, Schildkröten, Hühnern und Gockel auch noch Pfauen. Diesen Pfauen wurden unsere besten Zuschauer beim Tennisspiel. Auf den Hecken des Tennisplatzes beobachteten sie interessiert aus der Höhe wie wir uns die Bälle um die Ohren schlugen. Nebst den Bällen schlugen sich auch falsche Töne um uns. Das Gesangsduett von der […]
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Das Meer hatte uns mal wieder unter Druck. Tiefseedruck. Die Tauchflasche geschnallt, die Tauchbrille gesetzt, drei-, zwei-, eins und per Rückwärtsrolle vom Boot ins unendliche Blau. Beide, Simon und ich, waren voreingenommen von einem Besuch des Tauchparadis bei Malaysia, für beide nämlich war es nicht das erste Mal. Doch die unglaubliche Unterwasserwelt rund um die einsam gelegene Insel Sipadan gab sein Bestes, damit wir unseren Sauerstoff noch schneller abzapften als üblich. Was uns geboten wurde, war schlicht atemberaubend. Hier eine Nachbesprechung von einem der spektakulärsten Tauchgänge: Barracuda Point. Von einer der renommiertesten Tauchzeitschriften zum besten Tauchplatz des Jahres gekürt. Obwohl ich solchen Aussagen stets mit einer Portion Skepsis gegenüber stehe, sollte ich eines besseren belehrt werden. Kaum im Wasser landet man in einem Schwarm Jack-Fische. Von abertausenden Augenpaaren wird man gemustert wie ein fremder Tourist in einem ausserhalb gelegenen Stadtteil. Vom dichten Schwarm wird man eingehüllt, die Orientierung geht verloren und Tauchkollegen verschwinden hinter der Fischwand. An der scheinbar schwächsten Stelle wird versucht die Wand zu durchdringen und tatsächlich, wie von magischer Hand weicht sie auseinander und gibt den Weg frei in den nächsten silbernen Strudel. Egal wie ungalant, oder rasant man sich bewegt, keines der glitschigen Tiere bekommt man […]
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