Arbeit auf französisch

marco · October 27, 2014 · Film, Food, Paris · 0 comments

Seit gut einem Jahr bewege ich mich nun schon in Paris. Und gestern hatte ich das schrägste Erlebnis soweit.
Die Franzosen sind Karnivoren. Das ist kein Geheimnis und auch nicht weiter schräg, aber es wurde mir auf sehr komisch Art und Weise vorgeführt.

Wir laufen per Zufall an ein Ereignis hin, das sich „Les rencontres made in viande” nennt. Oder anders ausgedrückt, ein Fleisch-Festival.
Es wird gratis Fleisch aufgetischt. Nur Fleisch, nichts sonst. Und wo ich noch geglaubt habe, dass die Chinesen Könige des Gratis-Konsums sind, werde ich hier eines besseren belehrt.

Das Fleisch wird auf einem Plateau serviert und einfach auf einen der langen Tische gestellt. Und dann kommen sie, die Leute. Meine Sport-Kollegen geben sich zuerst noch zurückhaltend und lassen den anderen wie es sich gehört freundlich den Vortritt. Bis sie plötzlich realisieren, dass wenn sie nicht gleich zugreifen, das ganze Fleisch schnurstracks weg gefressen ist.
Sie ergattern von den etwa 2 Kilo Fleisch, noch gerade ein paar wenige Gramm. Der Rest ist von einer Meute Fleischfressenden Barbaren verschlungen worden.

Dieses Schauspiel wiederholt sich etwa 3 mal. Und wieder und wieder kommen die Leute wie Zombies an geeilt auf der Jagd nach Frischfleisch.
Der Vergleich mit Tauben, die Brotkrümmel vom Boden picken, funktioniert ganz gut, um sich ein Bild davon zu machen. Eine ältere Dame stapelt auf ihrem kleinen Plastiktellerli sicher ein halbes Kilo auf.
Die Spinnen die Franzosen.

Fleisch

Etwas weniger schräg, dafür auch als Kulturerlebnis entpuppt sich mein Praktikum, dass ich über die Sommermonate als Film-Schneide-Assistent, oder eben “Editor”, absolviert habe.

Allem voran natürlich wegen der Arbeit. Ich bin zum ersten Mal in einer professionellen Arbeitsumgebung was Film anbelangt.
Das Projekt woran ich arbeite ist ein Dokumentarfilm über Peru mit Namen „Planète Extreme“. Dabei folgen wir einem Tier-Fotografen auf seiner Reise von den Anden, durch den Amazon, bis an die peruanische Küste. Ein interessantes Projekt, wo ich vor allem viele Tiere zu Gesicht bekomme.
Ich verbringe meine Tage damit, für den sogenannten Brillen-Bär den passenden Ton zu finden und die Dschungel-Episode zu transkodieren.

Brillenbär

Die Arbeit eines Assistenten halt. Interviews untertiteln, die verschiedenen Tonkanäle arrangieren und die Projekte im richtigen Format exportieren.
Klingt im ersten Moment nach einem langweiligen Stück Arbeit. War es in den ersten Wochen auch, wurde dann aber stets spannender. Vor allem die Momente, wo man mit dem Regisseur zusammen im Raum sitzt und an dem Film herum tüftelt, haben einen hohen Lerneffekt.

Zu guter Letzt durfte ich dann auch ein Trailer für das nächste Projekt der Firma schneiden. Das sicherlich eines der Highlights der letzten Monate, da mir der Regisseur hierfür alle Freiheiten gelassen hat. Dieses Werk wird jetzt den Produzenten vom TV-Kanal “Arte” vorgelegt, damit sie auch noch ihren französischen Senf dazu geben können.

Das Schneiden war dabei das Eine, aber das andere war vor allem die Arbeitserfahrung in Frankreich, die dieses Praktikum in meinen Hirnzellen einbrennt. Dabei sind mir ein paar ganz banale Sachen speziell aufgefallen:

1. Arbeitsbeginn hier ist um 10 Uhr in der Früh. Und normalerweise bin ich um 10 Uhr der erste im Büro. Also eigentlicher Arbeitsbeginn ist 10:30. Fairerweise muss man sagen, dass dann auch bis 19 Uhr durchgezogen wird.
Für mich eher behinderte Arbeitszeiten. Am Morgen machst du eh nicht viel vor der Arbeit und wenn du am Abend nach Hause kommst, ist es auch schon Dunkel.

2. Iphones sind in der absoluten Minderheit hier. Die haben alle Telefone, die ich vorher noch nie gesehen habe. Whatsapp ist auch quasi nicht existent. Hier wird noch angerufen. Nimmt einer nicht ab, hinterlegt man eine Sprachnachricht auf dem Beantworter. Nicht selten sind das bis zu 10 minütige Monologe. Das wichtigste aber, nämlich der Schluss, wo alle Daten wie Treffpunkt, Uhrzeit und Telefonnummer hinterlegt sind, wird ultra-schnell heruntergeplappert und auch nicht wiederholt, so dass man sich aber ja auch den ganzen Monolog nochmals zu Gehör führen muss.

3. Hier folgt die nächste Parallele zu den Chinesen: keiner wartet mit Essen, wenn er den vollen Teller vor der Nase hat.

4. Jeder bezahlt einzeln für sein Essen. Das ist nicht sonderlich speziell, und vielleicht hat sich das in der Schweiz auch geändert, aber ich hab es so in Erinnerung, dass es das Servicepersonal immer mächtig angeschissen hat, wenn jeder selbst bezahlen wollte. Da in Paris ist das selbstverständlich und der Service nimmt geduldig jedem sein Depit-Kärtli entgegen.

5. Hier werden noch Checks zum bezahlen benutzt. Ein grosses Mysterium für mich. Das sie den TGV nicht auch noch mit Kohle betreiben ist ein Wunder.

6. Es gibt das sogenannte „Ende Monat“ Syndrom. Ende Monat geht jedem das Geld aus und nach und nach nimmt jeder was selbstgekochtes von Zuhause zum Mittag mit. Da sehe ich diesmal gewisse Parallelen mit den Südostasiaten, die auch all ihren verdienten Stutz gleich nach Erhalt sofort verplempern.

7. Die französische Tastatur ist komplett anders. Aber wirklich KOMPLETT. Was mir nicht ganz einleuchtet, denn die haben ja mehr oder weniger die gleichen Buchstaben wie wir. Minimale Änderungen, wie zum Beispiel zur englischen Tastatur leuchten mir ein. Aber den so oft gebrauchten “Punkt” am Ende eines jeden Satzes, nur über die Taste “Shift” erreichbar zu machen, stösst bei mir auf völliges Unverständnis.

8. Jeden Monat wird hier der Katastrophen-Alarm getestet. In der Schweiz passiert ja das einmal im Jahr, wenn ich mich nicht täusche. Hier: jeden Monat. Für immer.

9. Und noch die letzte Relation zu den Chinesen: hier wird auch zwischendurch mal ein Nickerchen gemacht.

Nickerchen

Hauptsache anders.

Zum Abschluss meines Praktikums durfte ich noch als Dolmetscher mit zum Interview des aus Osterreich stammenden Schauspielers “Arno Frisch”. Wem Michael Haneke ein Begriff ist, hat ihn sicherlich bereits in einem seiner Filme gesehen. “Funny Games” hier wohl der bekannteste, wo er einen der Psychopaten verkörperte.
Ein netter Typ, wenn auch mit irgendeinem Knacks. Zwischen den Fragen, musste er oft einfach ohne ersichtlichen Grund lachen, was ihm wahrhaftig was psychopathisches verliehen hat. Und so während dem Interview denken ich, der hätte eigentlich gut an den Tisch mit all den Fleischfressern gepasst.

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