Ab in die Schule, ab in die Kunst

marco · October 14, 2013 · EICAR, Paris · 1 comments

“Peinture fraiche” steht an unserer neuen Haustür. Doch irgendwie sieht es nicht danach aus, als wurde letzthin irgendwo bei unserem Eingang was neu gestrichen. Okay, es ist auch Sonntag und am Sonntag machen die Franzosen keinen Strich.

Das etwas vom ersten, was mir an dieser neuen Stadt auffällt. Am Sonntag sind die Geschäfte und grösstenteils Restaurants zu. Irgendwie schräg für so eine Weltstadt. Und noch schräger kommt uns das vor, da wir gerade mehr oder weniger vom Oktoberfest in München kommen. In Paris scheint vom Prosit auf die Gemütlichkeit, nur letzteres angekommen zu sein.
Das Oktoberfest, nebenbei bemerkt, ein Erlebnis. Eine feucht- fröhliche Angelegenheit der Extraklasse und wahrscheinlich in dieser Form nur in Deutschland möglich. Auch ganz ein interessantes Experiment dabei, so viele Loopings nach dem ersten Maas Bier zu durch schnellen.

achterbahn

Resultat. die Rekalibrierung der Sinne nimmt proportional zur eingeführten Promille definitiv mehr Zeit in Anspruch.

Und jetzt also Paris en pleine vitesse.
Mit gepacktem Ruckseckli und dem mulmigen Gefühl, dass sich beim ersten Schultag einstellt, geht es auf zu meinem neuen Arbeitsdomizil, der Filmschule EICAR. Ist ja etwa 10 Jahre her, seit ich zuletzt die Schulbank gedrückt habe, umso mehr erstaunt darüber bin ich, dass mein muschiges Hirn noch derart aufnahmefähig ist. Liegt aber sicherlich vor allem an der Materie.
In der ersten Woche wird uns von Sean Cullen, einem Meister des Filmeschneidens, sein Metier bekannt gemacht. Das schmückt er mit herzhaften Geschichten aus der Hollywoodküche interessant aus. Klingeln die Namen “English Patient”, “Brokeback Mountain”, oder “Jarhead” bei euch? Voilà, diese Filme und noch ein paar mehr hat der Mister Cullen mit seinem Team zusammengeschnippselt.
Die ersten 5 Tage vergehen wie im Film.

Die Eingangstüre bei uns ist jetzt abgeschliffen geworden. Da tut sich doch was. Aber frische Farbe sehe ich nach wie vor noch keine.

Wir erleben gerade noch eines der letzten Feste in Paris, dass den Sommer aus der Stadt verabschiedet. Die “Nuit Blanche”. Die Berner können sich diese Nacht etwa vorstellen, wie eine Museumsnacht über ganz Paris. Die Museen bleiben dabei allesamt bis spät in die Nacht geöffnet. Zudem findet man an jede Ecke irgendwelche temporär, aufgestellte Kunstwerke. So laufen wir beim Place de la Republique hinein in eine von einem Japaner kreiert künstliche Wolke.

cloud

Der Nebel ist teilweise so dicht, dass sich ganze Familien darin verlieren und die Wolkenfetzen den Verkehr behindern.
Lauter solch kuriose Ausstellungen zieren die Stadt. Irgendwo unter einer Brücke hängt eine Eismurmel, so gross wie ein Fussball, die langsam vor sich hin schmelzt. An einer anderen Ecke wird ein Film auf eine nackte Hausfassade projeziert und bei einem gespenstischen Haus, zeichnen sie ebenfalls anhand einer Projektion, ganze DNA Stränge in die schlottrigen Fensterladen.
Die Stadt ist während diesen Festivitäten hacke voll.
Ein Franzose hinter mir bringt es auf den Punkt: c’est la soirée “wuat dö föck”!

Mittlerweile wird unsere Tür auch tatsächlich gestrichen. In einer eher gewagten, gelblichen Farbe. Wir vermuten, dass es womöglich noch Teil des Spektakels der “Nuit Blanche” sein könnte. Das Kunstwerk zieht sich aber hin. Mehrere Tage begrüssen wir die beiden Maler beim Hinein- und Hinausgehen.
Dauert wohl alles einfach ein bisschen länger in Paris.

Die zweite Film-Woche geht dann mit einem Meister der Dokumentarfilmerei der BBC über die Bühne. Dieser Workshop findet vor allem draussen statt. Wir packen die Kameras und mischen uns unter das Pariser Volk. Schon toll, wenn der Übungsplatz für unsere Spielereien der Seine entlang führt.

Meine Eltern kommen mit einer weiteren Ladung meines Hab und Gutes aus der Schweiz an. Kaum 5 Minuten in Paris und schon im Kreisel des Place des Etoiles. Sie meistern den Verkehr jedoch und finden den Weg heil zum 17. Arrondissement.
Wir verdienen uns einen Besuch in der “Brasserie Flo” und ein Stück einer absolut phänomenalen “Foie Gras”.
Für einen Abstecher ins Musée D’Orsay zu den grossen Namen von Monet bis Renoir reicht es ebenfalls. Noch heute kupfern die Filmemacher ihre Perspektiven und Lichtspiele ab, aber gelingen tut es halt dann doch nicht so elegant, wie in diesen Originalen der Impressionisten.
Auch die Aussicht vom Museum über die Stadt auf die Sacré Coeur wird der Kunst unter dem Dach gerecht.

Orsay

Die Besucher sind schon wieder ausgeflogen und es wird langsam winterlich in Paris. Pünktlich zum Winteranfang, haben sie uns in der Wohnung das Gas abgestellt. Zum Glück sind es aber Elektroheizungen. Dafür tanzt der Stromzähler zum Hochbetrieb.

Und das Highlight am Schluss: wir haben ein japanisches Quartier im Herzen der Stadt entdeckt. Ein japanisches Beizli reit sich da ans andere. Von Hokkaido bis Kyoto. Obwohl, es sind eben nicht nur Japaner. Scheinbar haben die Chinesen geschnallt, dass es die Franzosen vor allem zu japanischen Restaurants zieht. Und da für den Europäer die Asiaten alle gleich aussehen, reiten sie mit auf dieser Welle und betreiben japanische Cuisine. Nicht sehr zur Freude der echten Japaner, die das nun auch explizit beim Eingang ihres Restaurants anschreiben, wenn einer von ihnen in der Küche steht.
Und mitten in diesem Quartier, ein Lädeli mit der uns alt bekannten Ware aus dem asiatischen Reich. Von Algenblätter bis Misosuppe. Alles nun in unseren Regalen zu Hause.

Die Eingangstür zu unserem Gebäude ist mittlerweile fertig gestrichen. Und ich weiss ehrlich gesagt nicht, wie sie das geschafft haben, aber die sieht jetzt perfekt aus. Ich meine wirklich perfekt. Nicht neu, aber auch nicht schäbig, einfach perfekt passend zum altertümlichen Aussehen des Hauses.
Was für eine Wundertüte, diese Stadt.

apartment

1 Comments:
  1. Der Nebel sieht ja aus wie in den guten alten Tagen in Peking…! 🙂

    Oli · November 05, 2013

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